Sonntag, 2. April 2017

Die Kraft der Erkenntnis

Es ist lange her, dass ich diese Plattform verwendete, um meine Gedanken zu äußern. Woran das genau liegt? Ich denke, ich habe mich sehr verändert und stand im Grunde gar nicht recht in Kontakt zu mir selbst. Vielmehr habe ich in den letzten Monaten funktioniert und versucht, das mir gesteckte Ziel zu erreichen. Ich stehe nun kurz davor, dieses Etappenziel in meiner To-Do-Liste als erledigt abzuhaken. 
Doch eines ist in all dieser Zeit geblieben. Die Dämonen meines Lebens und der Zweifel an der Sinnhaftigkeit meines Lebens pulsieren noch immer in meinen Adern. Oftmals spüre ich den Schmerz meines Herzens so deutlich, dass ich glaube, ich gehe daran zu Grunde. Bin ich stärker geworden im Laufe der Zeit? Diese Frage kann ich nicht mit Bestimmtheit beantworten. Vielleicht habe ich gelernt, die Eisberge meines Lebens besser zu umschiffen. Aber es mag genauso gut sein, dass ich bloß meine Augen verschloss und die Tür zu meinen Gefühlen verriegelte. Ich habe in gewisser Weise mich selbst verloren. 
In der letzten Zeit habe ich häufig zu betäubenden Mitteln gegriffen. Meine Träume sind nachts kaum zu ertragen und erwache ich am frühen Morgen, habe ich das Gefühl, gar nicht erst geschlafen zu haben. Ich bin gut darin, mir Dinge schön zu reden, so habe ich es dem erhöhten Stress der zu erledigenden Aufgaben zugesprochen.  Aber im Grund weiß ich es besser. Tief in mir schlummert eine so tiefe Traurigkeit, dass mir der Gedanke daran manchmal einen riesigen Schrecken versetzt. Es ist das Bewusstwerden der Größe meiner inneren Wunde. 
Menschen sagen häufig, die Zeit heile alle Wunden. Mittlerweile bin ich allerdings der Überzeugung, dass die Zeit diese Wunden nur erträglich macht. Die Wunde bleibt hingegen, auch wenn sie sich zu einer Narbe transformiert, sie bliebt spürbar. 
Es kommt immer wieder vor, dass ich mich so einsam fühle, dass ich es schlicht nicht aushalte. Ich habe das Gefühl, all die Zeit einen Ort zu suchen, an dem ich mich zuhause fühlen kann. Aber ist das überhaupt möglich? Reflektiere ich mein Leben, habe ich temporär einen Ort der Zuflucht gefunden, hielt dieser jedoch nicht lange an. 
Die Vergänglichkeit dieser Zugehörigkeit hat mir schon so manch eine Frage aufgeworfen. Ich erinnere mich häufig an meine Kindheit und all die Erlebnisse, Erfahrungen und schicksalhaften Momente, die mich formten. Durch die vielen Therapien, die ich bisher machte, weiß ich, dass die Sehnsüchte meines inneren Kindes nicht mehr gestillt werden können. Diesem Kind wurde so häufig und so sehr wehgetan, dass sein Herz nicht mehr zu heilen ist. Wobei sich die Frage auftut, ob ein Herz überhaupt geheilt werden kann. Erlebt ein Mensch ein solch gravierendes Erlebnis, so, davon bin ich überzeugt, wird es nie wieder so sein wie zuvor. Ich war in meinem Leben in einer solchen Häufigkeit kurz davor zu sterben, dass sich die Grenzen zwischen Existenz und Tod fast gänzlich aufgelöst haben. Ein Teil in mir gehört zu den Lebenden, ein anderer Teil zu den Toten.
Beinahe täglich werde ich mit den Parametern meines Lebens konfrontiert, die dafür sorgten, dass meine Seele erkrankte. Es ist ein Drahtseilakt, der mir jedes Mal all meine gesamte Kraft abverlangt. Ich habe die Fähigkeit verloren, mich fallen zu lassen. Ich habe keine Hoffnung mehr, aufgefangen zu werden. Ich weiß, halte ich mich nicht oben, falle ich und höre nie wieder auf. Es ist die Angst davor, zu ertrinken. Zu ertrinken in den Tränen meines eigenen Schmerzes.
Erst wenn alles still ist und ich in mich hineinschaue, sehe ich all die Päckchen. Die Päckchen, die ich zugeschnürt hatte, in der Hoffnung, sie nie wieder öffnen zu müssen. Doch ich merke, dass mir die Luft ausgeht. Die Luft hat keinen Platz mehr in mir, weil dort überall Pakete stehen. Ich kann nicht mehr richtig atmen. Ich raube mir mein Lebenselixier, weil ich mich von innen zum Sterben bringe. Ein unmerklicher Prozess, den ich niemandem zeigen kann. Ich gehe an mir selbst kaputt und besitze nicht die Kraft, mich zu retten. Ich will, dass es aufhört. Ich warte nur auf den Augenblick, da es sich leicht anfühlt. 

Wolkentänzerin