Mittwoch, 1. Juni 2016

Der Wald

Dunkelheit umhüllt mich. Unaufhörlich gehe ich weiter. Mein Fuß rutscht häufig weg, die Nässe hat das Laub zu einer glitschigen Falle werden lassen. Unbeirrt laufe ich weiter. Um mich herum ist es still. Die Ruhe vor dem Sturm? Nein, wohl eher eine Totenstille. Es scheint als habe die Welt aufgehört sich zu drehen. Sie ist stehengeblieben. Ich laufe einsam und orientierungslos weiter.
Schließlich komme ich zu einer etwas runtergekommenen Holzhütte. Sie ist vom Moss überwuchert und riecht nach nassem Holz. Für mich strahlt dieser schlichte Holzverschlag eine verführerische Vertrautheit aus. Ich weiß, es ist nicht gut, dass ich hier bin, doch an diesem Ort habe ich das Gefühl, ich zu sein.  Wie oft saß ich in diesem Unterschlupf und versuchte meinem Leben zu entkommen? Ich saß häufig stundenlang auf dem schmalen Brett und versank in eine Welt, in der alles etwas leichter, etwas farbenfroher, etwas freier war.
Mein Blick schweift hinauf in den Himmel. Mein Auge richtet sich auf eine ganz bestimmte Wolke. Sie scheint zu weinen. Dicke Tropfen bahnen sich den Weg hinunter auf diese Erde. Für mich wirken sie wie bittere Tränen der Einsamkeit.
Ein eiskalter Schauer überkommt mich. Ich habe Gänsehaut. Ich fühle mich wohl. Dieser Ort ist Teil von mir. Ich nehme den morbiden Geruch in mich auf, denke an all die Dinge, die passierten und habe keine Angst. Es ist, als sei ich von Natur aus ein Teil dieses Organismus.
Mein Körper schmerzt. Ich spüre deutlich die Spuren meines Lebens. Es fühlt sich an, als könnte ich nur an diesem Ort mein wahres Ich wahrnehmen.  Oder ist dies nur ein Trugschluss?
Langsam verliere ich den Kontakt zu mir. Ich dissoziiere und bin weg. Ein Zeichen, dass mein Leben mir zu viel ist. Der Schmerz nicht aushaltbar ist. Ich kann nicht atmen. Es geht nicht mehr. Das ständige Kämpfen hat mich ausgelaugt.
Ich erkenne, dass dieser Wald mir die Möglichkeit gibt, abzutauchen. Mich tot zu stellen. Meine Todessehnsucht ist an diesem Ort greifbar. Ich muss mich nicht rechtfertigen, niemandem gerecht werden, dem ich es nicht kann. Ich bin mit mir allein und kann verschwinden.
Dieser Wald ist ein Mikrokosmos. Er stellt ein Gegenstück zu der rauen Welt da draußen dar. Und in dieser Welt da draußen bin ich mehr als überfordert. Ich muss täglich eine Maske tragen und stets ein freudiges Lächeln tragen. Dabei kann ich nicht mehr. Die letzten Wochen und Monate haben mich ausbrennen lassen. Keine Ruhe kann einkehren.
Ich habe gelernt mich nicht mehr so zu zeigen, wie ich bin. Ich gebe die Person, die andere gerne sehen wollen. Meine eigene Stimme habe ich aufgegeben.
Wie sehr habe ich mich bemüht, die Scherben meines Lebens zusammenzufügen und ein neues Gebilde entstehen zu lassen? Doch das einzige, was ich erreicht habe, ist, mich an den Scherben zu schneiden und mir mehr Wunden hinzuzufügen, als eh schon da waren.
Ich habe aufgehört, nach einer eventuellen Zugehörigkeit zu suchen. Immer wenn ich denke, ich hätte sie gefunden, muss ich erkennen, mich getäuscht zu haben. Deshalb habe ich aufgegeben.
Mittlerweile denke ich, dass die vielen Ereignisse und unwiederbringlichen Veränderungen, die Trauer und der Schmerz, der Verlust und die vielen Narben, dass dies alles es unmöglich macht ein Leben zu führen, dass zu Zufriedenheit führen kann. Ich bin überzeugt, dass es nicht möglich ist, ein unbeschwertes Leben zu führen.
Ich werde immer ein Außenseiter bleiben und auf die dunkle Seite dieser Welt gehören mit dem Abgrund direkt vor der Nase. Bereit zum Sprung. 


Wolkentänzerin



1 Kommentar:

  1. Hallo Wölkchen,
    nach ewig langer Zeit der Abwesenheit möchte ich wieder kurz auftauchen. Dein Text hat mich tief berührt; er ist packend geschrieben. Und ich habe auch einiges von mir darin erkannt. Wir auf der dunklen Seite der Welt sind einsame Wölfe, verdammt dazu, allein unterwegs zu sein, nirgendwo dazuzugehören. Wir fühlen keine Schmerzen; wir sind Schmerz. Und ich habe mich daran gewöhnt, dass ich selbst unter tausend Menschen allein bin. Langsam fange ich an, es zu genießen. Auch Schmerz kann schön sein. Das macht ihn erträglich. Außerdem ist ein Leben am Abgrund spannend. Man hat jederzeit eine Alterntive ...

    Ich wünsche Dir, dass Du mit der Dunkelheit zurechtkommst. Sie schützt manchmal. Vielleicht dringt ja da und dort ein kleines Licht zu Dir.

    Grüße aus der Nacht
    Drago

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