Mittwoch, 15. April 2015

Falling leaves



Ich saß im Wald. Es roch nach nassem Laub, Schmutz und Einsamkeit. Die Feuchtigkeit kroch in meine Kleidung. Selbst der Stoff meiner Klamotten vermochte mir keinen Schutz zu bieten.
Ich hockte mich auf einen Baumstumpf. Er war glitschig und das Moos klebte sofort an mir. Es war mir egal.
Ich zog meine Beine an meinen kalten Körper, stützte meinen Kopf auf meine Knie und weinte. Mir war bewusst, niemand würde mich hören. Ich war allein. Noch.
Er hatte mich hier ausgesetzt. Ich sollte warten.
Warum blieb ich?
Ich blieb, weil ich die Alternative nicht denken wollte. Liefe ich weg, er fände mich. Seine Strafe wäre gewaltig und würde mein Kinderherz mehr verletzen, als das, was mich nur hier erwartete.
Mein Blick schweifte über das orange-braune Blätterwerk. Der Wind bließ durch meine roten, langen, roten Haare. Er schlug mir die Tropfen der Wolkentränen in die Augen. Meine und die Himmelstränen wurden eins.
Ich fühlte die Hilflosigkeit und spürte, wie sie meine Glieder lähmte. Mein Körper fing an sich rythmisch zu bewegen. Ich schaukelte vor und zurück.
Dann tauchte er auf. Er trat forschen Schrittes zu mir. Sein Blick fokusierte mich. Ich wand mein Gesicht ab.
Er nahm mich bei der Hand und schleifte mich in ein Gebüsch. Die Äste zerstachen meine Haut. Blut rann über meinen Arm.
Meinem Zeitempfinden nach dauerte es Stunden bis er von mir abließ. Er ging und ließ mich im Dreck liegen.
Sekunden wurden zu Minuten und zu Stunden. Irgendwann rappelte ich meinen Körper auf. Er schmerzte. Ich hasste ihn.
Ich rannte los. Meine Füße trugen mich durch den Wald - auf der Suche nach Erlösung. Irgendwann konnten sie mich nicht mehr halten. Ich stürtzte und schlug mein Knie auf. Es war mir egal. Ich konnte mich es nicht fühlen.
Aus meiner Tasche kramte ich ein Messer und schnitt mich. Und ich spürte noch immer nichts.
Das einzige, was ich wahrnehmen konnte, war der Schmutz, der Ekel, die Schuld. Ich übergab mich.
Als ich wusste, ich könnte mich nicht länger verstecken, ging ich heim. Sie schrie mich an, weil ich zu spät kam.
Ich duschte und legte mich ins Bett...

...und wusste, er würde kommen. Mir blieben Sekunden, Minuten, Stunden...

Wolkentänzerin

Thougths

Hallo Du,

heute schreibe ich mal wieder. Lange ist es her. Seitdem hat sich viel verändert und doch...ja, irgendwie ist auch viel gleichgeblieben.

Meine Gedanken kreisen immer wieder um meine Vergangenheit und ich bin oft unfähig sie davon zu lösen. Ich ertappe mich oft bei dem Gedanken, dass ich anders bin, nicht richtig in diese Welt passe. Auch wenn ich, glücklicher Weise, Abstand von Suizid nehmen konnte.

Doch es wäre gelogen, sagte ich, die Traurigkeit sei gänzlich aus meinem Leben verschwunden. Denn das ist nicht wahr. Ich fühle sie ganz tief in mir. Ich kämpfe täglich mit mir und der Kampf ist wohl auch noch eine Weile Teil meines Lebens - vielleicht sogar für immer.

Bald ist es ein Jahr her, dass ich den Kontakt zu meinen Eltern abbrach. Und noch heute ist es grausam für mich. Ich träume oft von meiner Mutter. Habe Angst, dass diese Entscheidung Folgen für ihre Gesundheit haben könnte. Dabei müsste es mir egal sein. Sie hat mir unfassbare Schmerzen hinzugefügt. Konnte mich nicht beschützen, vielleicht wollte sie es auch nicht. Sie nahm mir mein Urvertrauen, meine Sicherheit, den Raum, den ich gebraucht hätte, um mich entwickeln zu können. Meine Mutter war es, die mich rauswarf, die mich beschuldigte, die mich hasste, obwohl es mein Erzeuger war, der sich an mir verging. Ich war ein Kind. In letzter Konsequenz ist es nun mal auch so, dass sie mich so formte, dass ich mich heute das schlechte Gewissen packt. Dass mich schweiß gebadet aufwachen lässt. Sie ist es, die mich krank gemacht hat. Klar, nicht nur sie allein, aber es wäre sicherlich kein Fehler, ihr eine beträchtliche Verantwortung dafür zu geben.

Ein höllisch schmerzendes Gefühl durchfährt mich. Ich habe Sehnsucht nach meiner Mutter. Nach der Frau, die mein Schicksal besiegelte, in dem sie wegschaute. Die mir Vorwürfe machte und mir sagte, dass ich ihr niemals reichen würde.
Ich nahm ab, damit ich dünn genug war. Dann war ich magersüchtig und zu dünn. Ich nahm zu und war zu dünn.
Und heute? Heute empfinde ich mich als zu dick. Als unzulänglich und dumm. Sie bestimmt meine Gedanken. Ich möchte perfekt für sie sein.
Doch warum? Sie erfährt es nicht. Ich sehe sie nicht. Wir leben getrennte Leben.

Es ist definitiv keine einfache Sache mit seinen Eltern Schluss zu machen. Durch Missbrauch enstand eine Abhängigkeit. Sie initierten mir Verantwortung und Schuld. Bis heute klebt dieser stinkende Schleim der Manipulation an mir. Es kotzt mich an. Ich möchte frei sein.

Doch wie werde ich unabhängig von den Fängen meiner Kindheit? Wie löse ich mich von den Stützpfeilern meines Denkes? Ist es nach 21 Jahren Märtyrium überhaupt noch möglich ein anders denkender Mensch zu werden? Ist es möglich, nach 21 Jahren den Mustern Lebwohl zu sagen? Ist es möglich, nach 21 Jahren den Missbrauch zu vergessen? Ist es möglich, zu vergeben? Ist es möglich das verpasste nachzuholen? Ist es möglich, sich normal zu fühlen? Ist es möglich, das Gefühl zu entwickeln, dass alles gut werden kann? Ist es möglich, unbeschwert zu werden?

Nein, sexueller und seelischer Missbrauch, Vernachlässigung und Folter hinterlassen Spuren. Narben, die niemals verblassen. Sie ändern einen Menschen von Grund auf. Ein Zurück ist nicht mehr möglich. Ich kannte nichts anderes und jetzt, da ich das "Normale" kenne, kommt es mir fremd und komisch vor.

Ich bin häufig beziehungsunfähig und von Freundschaften ganz zu schweigen. In mir keimt Wut auf. Die Tränen der Trauer ergießen sich über mein Gesicht.

Ich habe keine andere Wahl. Ich bin das, was ich bin. Ich wurde nicht gefragt. Es interessierte nicht. Das, was ich jetzt tun kann, ist die Trümmer meines Lebens zusammenzufügen und zu kämpfen.

Jeden einzelnen Moment kämpfen und nicht aufgeben - diese Wahl habe ich.

Wolkentänzerin