Dienstag, 7. Oktober 2014

(K)ein Traum

Bitter und ätzend fließen mir die Tränen aus den Augen, sie rinnen meine Wangen hinab und ich spüre, wie sie Rillen des Schmerzes hinterlassen. Mir ist schlecht, ich möchte mich übergeben, möchte die Erinnerung, die Bilder auskotzen. Ein Versuch sie loszuwerden? Ja! Und ich weiß, es wird nichts bringen. Mein Körper krampft, fängt an zu zucken. Ich sehe dein Gesicht, diese elendige Fratze; spüre deine Hände, rieche deinen Gestank, er setzt sich in meiner Nase fest und ich verfalle in einen Trance artigen Zustand. Ich verliere den Halt zur Erde. Schnell renne ich ins Bad, setze mich in die Dusche und lasse mich von eiskaltem Wasser berieseln. Ich fühle mich, spüre meinen Körper, den Schmerz, das Entsetzen. Weitere schmerzerfüllte Tränen fließen aus meinen Augen und lassen mich meine Einsamkeit wahrnehmen. Ich rolle mich zusammen, versuche mich zusammenzuhalten, habe Angst, ich könnte sonst in tausend Teile zerspringen. Warum ist niemand hier? Warum sieht niemand den Schmerz, der nicht heilbar ist? Ich bin depressiv, traurig, ängstlich, verzweifelt.
Bei dem Versuch meine Tränen wegzuwischen, sehe ich, wie meine Hände zittern, sie lassen sich nicht mehr steuern. Neben mir mein Rasierer...es folgt eine Kurzschlußreaktion...im Abfluss ein Gemisch aus Tränen, Blut und Wasser. Ich verblasse, starre ins Nichts, schließe meine Augen:

Ich betrete ein Kinderzimmer. Es ist dunkel, doch ich erkenne Konturen. Im Bett liegt ein Kind, es istjung. In seinem Arm ein Teddybär. Ich stehe bloß da und betrachte dieses schlafende Kind. Ein schönes wärmendes und zufriedenes Gefühl erfüllt mich. Es sieht glücklich aus, denke ich mir. Ich verweile eine Weile dort. Plötzlich tritt ein Mann in das Zimmer und legt sich auch in dieses Bett. Er schiebt die Decke weg und vergeht sich an diesem Kind. Es weint, schreit, wimmert, es leidet. Ich versuche ihn wegzuzerren, doch es geht nicht. Mein Körper fängt an zu schmerzen, ich fühle es. Ich bin hilflos. Das Kind sieht mich an. Ich kann nichts tun. Ich schreie, doch niemand ist da. Ich renne in den Flur, öffne die Tür zum elterlichen Schlafzimmer. Eine Frau liegt dort, das Kissen über die Ohren gezogen. Ich rüttel sie, doch sie reagiert nicht. Warum hilft niemand diesem Kind? Ich torkel zurück, meine Beine tragen mich kaum noch. Ich gehe ins Badezimmer, setze mich auf den Toilettendeckel und vergrabe den Kopf in meinen Händen. Ich höre ein Wimmern, blicke hoch und mir gefriet das Blut in den Adern: Das Kind sitzt in der Badewanne, hinter ihm der Mann, er fasst es an, dringt in es ein. Es starrt geradeaus. Ich will aufstehen, es herausheben, doch es geht nicht. Mein Körper ist wie erstarrt, bewegt sich nicht mehr. Mann und Kind verschwinden. Mein Atem normalisiert sich, da taucht vor der Heizung meine Mutter auf, sie weint, ist verletzt, das Kind sitzt daneben. Es versucht meine Mutter zu beruhigen, doch die stößt es weg. Es läuft aus dem Raum, die Treppe hinunter. Ich folge ihm. Es rennt aus dem Haus, die Straße runter und in den Wald hinein. Es rennt mir davon; ich habe es verloren. Mein Blick hält suchend Aussauch, ich sorge mich. Was hat das Kind vor? Ich durchforste den halben Wald, bis ich es schließlich finde: Es sitzt in einer kleinen versteckten Hütte. Es weint und hält ein Messer in der Hand. Ich renne zu ihm, greife nach dem Messer, doch meine Hand langt ins Nichts; ich kann es nicht erreichen. Mein Körper zieht sich zusammen, ich weine, krampfe. Ich hocke mich vor das Kind, rede auf es ein, doch es zieht sich eine tiefe Linie in seine Haut. Ich bin hilflos, schreie und höre mein Echo. Das Kind hebt seinen Kopf, blickt mich an, seine Augen durchdringen meine. Ich kann seine Gedanken förmlich spüren und ich kann dem nichts entgegensetzen. Ich nicke und flüstere: "Ich würde dich so gerne retten, doch ich kann nicht. Ich weiß nicht, wie." Und eine dicke Träne kullert aus dem Kinderauge. Es trifft mich mitten ins Herz. Ich setze mich neben dieses kleine Kind und halte es fest. 

Ich erwache, spüre das Brennen meiner Wunde, das eiskalte Wasser, merke, dass ich schon viel zu lange hier sitze. Vor meinem inneren Auge blitzt das Bild des kleinen Kindes auf und mir durchzieht ein tiefer Schmerz. Mein Arm greift nach oben, schließt den Wasserhahn. Ich versuche aufzustehen, auf die Beine zu kommen, jedes einzelne Glied meines Körpers tut höllisch weh, mein Gesicht ist schmerzverzerrt, ich japse nach Luft. Doch irgendwie schaffe ich es und hülle mich ein in einer weiches, sanftes Handtuch und tapse zur Couch. Ich hülle mich in eine Decke und nehme mein Kuschelschaf in den Arm. Ich weiß, wenn ich die Augen schließe kehre ich zurück in die Welt der Erinnerungen, des Schmerzes, der Hilflosigkeit, deshalb zwinge ich mich wach zu bleiben. Ich denke an gute Momente voller Liebe und Geborgenheit, spüre die Wärme, den Trost. Ich tanze auf einer saftig grünen Wiese bis nach einiger Zeit ein dunkler Nebel die Szene einhüllt und mir die Einsamkeit, das Leid und die Erinnerung zurückbringt. Eine Nacht beginnt, in der ich kämpfen muss, um nicht durchzudrehen. Ein Kampf gegen mich selbst und mein Leben. Ein Kampf, den ich noch lange kämpfen muss, ein Kampf, den ich noch nicht gewinnen kann, ein Kampf, der mir jegliche Kraft abverlangt....

Wolkentänzerin

1 Kommentar:

  1. Ach, Wölkchen,
    ich wünschte, ich könnte Dir jeden Tag die Hälfte meiner Kraft schenken. Ich möchte nämlich, dass Du diesen Kampf gewinnst. Aber sowas von! Und so sende ich Dir viele positive Gedanken, bin im Geiste immer an Deiner Seite (so bist Du nicht allein beim Kämpfen).

    Du schaffst es! Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber irgendwann! Und das wird ein grandioses Gefühl sein, Deinen Triumphschrei durch das All gellen zu hören!

    Alles Liebe vom Drachen

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