Dienstag, 12. August 2014

Überleben

Tagein tagaus...immer das gleiche Spiel. Ich wache auf und mein Körper brennt vor Schmerzen. Es fühlt sich an, als hätte ein Hinkelstein auf mir gelegen. Mühsam versuche ich mich zu bewegen. Ein dumpfer Schmerz durchzieht meinen gesamten Leib. Die Nacht steckt mir in allen Gliedern. Vor meinem inneren Auge sehe ich meine Peiniger. Kann fühlen, was sie mit mir taten, kann nachfühlen, wie es war.
Ich versuche meinen Tag durchzustehen, wende Stresstoleranzskills an, die habe ich in den 14 Wochen Klinik bishin zur Perfektion gelernt. Überkommt mich beispielsweise eine Erinnerung und ich komme nicht mehr raus, esse ich eine Chili oder halte mir eine Ampulle Amoniak unter die Nase. Doch all das sind nur geringe Mittel, um mich über Wasser zu halten.
Meine Gedanken kreisen um Überlebenskampf, Erkenntnis meiner Vergangenheit, Verdrängen und Anzeige.
Mir wird geraten meine Peiniger anzuzeigen, sie vor Gericht zu bringen. Doch das kann ich zur Zeit noch nicht. Mir fehlt die notwendige Kraft, um diesen Schritt zu gehen. Ich packe mehrtägige Verhöre bei der Polizei nicht. Es lässt mir mein Blut in den Adern gefrieren, wenn ich bloß daran denke, ich müsste ihnen vor Gericht in die Augen sehen.
Man sagt mir, ich müsste doch eine Art Gerechtigkeitsverlangen in mir haben. Müsste andere schützen. Doch was soll das bringen? Ich habe für all das bezahlt, habe ein Kind verloren. Ich habe die Hölle auf Erden erlebt - ja! Aber ich möchte jetzt einfach nur noch glücklich werden.
Ich möchte leben wollen und dürfen. Ich möchte mit meiner Vergangenheit klarkommen. Möchte lachen und weinen können. Ich möchte Freunde treffen und keine Angst haben müssen, wenn ich vor dir Tür gehe. Es ist mir egal, was aus ihnen wird. Denn ich werde eh erst frei sein, wenn sie allesamt tot unter der Erde liegen.
Ob sie Zuhause oder im Knast sitzen, wo ist der Unterschied? Sie sitzen fünf Jahre ab und kehren zurück. Und dann?
Ab dem 1.10. beginne ich eine Traumatherapie, das ist alles schon genehmigt und wartet nur darauf begonnen zu werden. Ein Prozess wäre zu viel. Eine doppelte Belastung, der ich nicht gewachsen bin - noch nicht.
In 14 Wochen Klinik ist viel zu viel passiert. Es hat mir meine Kraft geraubt und für vieles finde ich noch immer keine Worte. Ich hätte nicht erwartet, dass ich so viel über mich erfahren würde. Es traf mich wie ein Schlag und meine Illusionen wurden gänzlich zerstört. Kein Zurück mehr. Zum Glück?!?
  Es tut derzeit einfach nur höllisch weh. Ich finde nach 17 Jahren endlich mal zur Ruhe. Es hat aufgehört. Und jetzt? Jetzt tritt der gesamte Schmerz an die Oberfläche und überflutet mich.

Wann hört es auf?

Wolkentänzerin