Mittwoch, 26. März 2014

Schweigen

Meine Mutter war immer gut darin, uns Kinder mit eisernem Schweigen zu bestrafen. Hatte ich nach der Schule nicht gänzlich perfektionistisch gesaugt, so kam meine Mutter gestresst von der Arbeit und rastete erst komplett aus, beschimpfte mich als Schlampe und hörte dann einfach auf zu reden. Sie würdigte mich keines Blickes mehr. Jede Entschuldigung, jedes Einschleimen...nichts...rein gar nichts konnte sie dazu bewegen, wieder mit uns zu reden. Das war das Schlimmste für mich. Besser hätte ich es gefunden, sie hätte mich angeschrien, mich beleidigt, aber das Schweigen war nahezu unerträglich.
Oft ging ich zu ihr und fragte sie, ob und wie ich es gut machen könnte, doch sie erwiderte dann bloß, ich solle ihr aus den Augen gehen, sie könne mich nicht ertragen.
In diesen Tagen, manchmal auch bis zu zwei oder drei Wochen, lauschte ich immer an der Tür, ob die Luft rein war und ich kurz in die Küche könnte, um etwas zu trinken oder zu essen, denn in diesen Phasen war ich total unsichtbar für sie, ob es nun um Essen kochen oder Wäsche waschen ging. Lief ich ihr dann unerfreulicher Weise doch über den Weg, kommentierte sie jegliches Handeln mit einem verächtlichen Schnauben und ab und an kam ein böses Wort über ihr Lippen. Sie warf mir unter anderem mal an den Kopf, ich sei nicht mehr ihre Tochter, ich solle zusehen wie ich klar käme und sie würde mich endgültig abgeben, da sie mich nicht länger ertragen könne  Wenn ich dann anfing zu weinen, meinte sie, mit kühlster Stimme, die Masche ziehe bei ihr nicht.

Da sie nicht mit mir sprach, schrieb ich ihr einmal einen Brief, um wieder ihre Liebe zu bekommen, doch sie zerriss ihn vor meinen Augen und schrie, sie sei keines meiner dummen Schulmädchen und ich solle ihr nie wieder einen Brief schreiben. Sie fauchte mich an und fragte, für wen ich sie hielt.

Diese Phasen wechselten sich im Wochenrhythmus mit relativ guten Tagen ab. Es war traurig und grausam.
Von meinen Brüdern konnte ich keine Hilfe erwarten, denn jeder war froh, dass denjenigen nicht das Los des Zornes getroffen hatte, denn zu denen, die"artig" gewesen waren, war meine Mutter übertrieben nett. Das auch nur, um mich, oder wen auch immer sie bestrafen wollte, erneut zu verletzen.

Und auch heute ist es noch immer das Schlimmste für mich, mit Schweigen bestraft zu werden.

Wolkentänzerin

Kommentare:

  1. Erstens mal ein großes Lob an dich, dass du darüber sprichst, auch das ist ja nicht immer ganz einfach... ich kann dir sehr gut nachfühlen, aber denk immer daran, nicht du machst etwas falsch, sondern sind die "strafenden" Personen diejenigen, die Probleme mit sich selbst und dem Leben haben. Sie verschaffen sich Erleichterung, in dem sie andere schwächen... ich bin stolz auf dich :) drück dich ganz fest!!

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    1. Liebe Tash,
      ich danke dir von Herzen für diese Zeilen, sie taten und tun sehr gut.
      Auch wen ich nicht sehe, dass man stolz auf mich sein kann.

      Ich drücke dich doll zurück :*

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    2. Du kannst auf jeden Fall STOLZ AUF DICH SEIN !! Mir gehen soviele Gedanken durch den Kopf weil ich ähnliche Erfahrungen erlebt habe... aber leider kann ich das alles nich in Worte fassen. Würde ich es versuchen wäre ich wahrscheinlich nächste Woche noch am scheiben *g* Aber versuch nicht irgendjemand was recht zu machen oder zu gefallen der es nicht verdient oder Dich akzeptiert wie Du bist. ich weiss, ... leichter gesagt als getan. Bleib wie Du bist... den das bist DU !

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  2. Es liegt Dir mindestens genauso schwer auf der Seele, wie die anderen Erfahrungen, die Du durchmachen musstest...
    Es ist grausam.

    Liebe Grüße, Tamaro

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    1. Danke lieber Tamaro. Es ist lieb, dass du immer meinen Blog liest und fleißig kommentierst. Schön, dass es dich gibt!

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  3. Das Handeln deiner Mutter ist äußerst kaltherzig was du beschreibst und zeigt, das du wirklich darunter leidest.
    Ich wünsche dir wirklich, das du emotional auf Abstand gehen kannst und dich von der rohen und abwertenden Art dieser Frau distanzieren und schützen kannst, indem du nicht länger darauf reagierst und ihr zeigst, das ihre Worte keine Wirkung erzielen.
    Ich wünsche dir jede Menge Kraft und Mut, das du dich nicht davon runterziehen lässt :)

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