Sonntag, 16. März 2014

Lieber Freund,

gerade habe ich dein Lied gehört und sofort durchzog mich ein wohlbekanntes Gefühl. Mein Hals schnürrte sich zu und mir wurde richtig übel. Es ist eben dein Lied. Der Text von "Tennage Dirtbag" beschreibt so verdammt gut wie du dich allzeit fühltest. Dieser Song war einer deiner favorisierten, du konntest dich damit identifizieren. Kein Wunder...

Weißt du, ich denke in letzter Zeit so so so oft an dich. Mich packt eine riesige Traurigkeit, wenn ich an dich und die Umstände deines Todes denke. Ich fühle mich so schuldig und weiß, dass ich hätte etwas tun müssen. Ich hätte dich retten müssen. Ich wusste doch, wie es sich anfühlt...Es tut mir so leid. Gestern hat mir jemand Werther's Originale angeboten und ich musste sie ablehnen. Selbst nach dieser langen Zeit kann ich sie noch immer nicht essen, zu sehr erinnern sie mich an dich. Jedem, der sagt, die Zeit würde Wunden heilen, würde ich am liebsten ins Gesicht schreien, dass das nicht stimmt. Seither sind fast vier Jahre vergangen und dieser grausame, tief sitzende Schmerz ist nicht verflogen. Vielmehr wird er größer, weil ich das Gefühl habe, ich müsste dir endlich folgen.

Ich würde dir so gerne Dinge erzählen, das Leid mit dir Teilen, mich verstatnden fühlen. In ein paar Wochen gehe ich in eine Klinik, die auf meine Problematik spezalisiert ist. Deshalb habe ich bereits zwei Termin hinter mir, die der Diagnostik dienen. Es war so schrecklich. Ich musste über die schlimmsten Erfahrungen meines Lebens reden und es hat mir wirklich alles abverlangt. Seitdem ist dieser Schmerz so unerträglich geworden, dass ich mir einfach nur die Haut abziehen wollen würde. Ich möchte schreien, mich verletzen, einfach wegrennen. Es wäre so schön, wenn jemand da wäre, der mir die Möglichkeit geben würde, sodass ich mich in seinen Armen ausweinen könnte. Du fehlst mir so sehr.

Ich denke häufig über die letzten Tage und Wochen mit dir nach und gehe die Abläufe immer und immer wieder durch. Überdenke jedes einzelne gesagte Wort, überlege, welche Wirkung sie auf dich gehabt haben könnten. Es ist so müßig darüber nachzudenken und trotzdem kann ich es nicht lassen. Vor meinem inneren Auge sehe ich dich, wie du auf dem Boden hockst, gelehnt an einen Baum, Kopfhörer im Ohr, wissend, dass die nächsten Atemzüge deinen letzten sein würden. Du warst allein - verdammt einsam. Wieso hast du das getan? Wieso hast du mich zurückgelassen? Wieso???

Weißt du, was das schlimmste daran ist? Dass ich es auch tun will. Dass ich es schon versucht habe, dass ich es wieder versuchen werde. Ich bin dabei mich komplett selbst zu zerstören, obwohl (oder eben genau weil?) ich weiß, dass ich in die Klinik gehen kann. Ich habe unendlich große Angst davor, stationär in dieser Klink aufgenommen zu werden. Gleichwohl es meine letzte Chance sein könnte. Die Gespräche zur Diagnostik haben mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Der best versteckteste innerste Schmerz, die verdrängtesten Erinnerungen, alles, was ich vergessen wollte, wurde hervorgekramt. Die Bilder, Gefühle, ja, selbst körperliche Empfindungen sind so real, wie noch nie zuvor. Ich habe solche Schmerzen, dass sie mir fast den Atem nehmen. Ich verletze mich, um sicher sein zu können, dass ich noch da bin.

Ich flüchte auf meine Wolke, komme dir so gefährlich nahe und drifte dabei ab; ich bin manchmal schon viel zu weit weg, als dass ich den Boden überhaupt noch erahnen könnte. Der omnipräsente Schmerz ist simpel zu groß, ich bin dem nicht gewachsen. Ich habe Angst, dass dieses Leid in der Klinik noch größer werden könnte; niemand gibt mir eine Garantie darauf, dass es wirklich besser werden wird.

Seit einiger Zeit fühle ich mich so allein, ich kann förmlich an der Einsamkeit ertrinken. Ich bin nicht ganz unschuldig an diesem Zustand. Schließlich könnte ich vor die Tür gehen, mich mit Leuten treffen, doch ich ziehe die Abgeschiedenheit und Bedrohung vor. Ich tue Dinge, auf die ich absolut nicht stolz bin und von denen ich weiß, dass sie mich akut gefährden. Es wird immer schlimmer und ich komme nicht mehr daraus. Ich möchte mich verlieren, möchte aufhören zu existieren, möchte für immer verschwinden. Ich denke, so ging es dir wohl auch. Gerade weil ich weiß, wie es dir erging, hasse ich mich dafür, dass ich dir nicht ausreichend half. Konnte oder wollte ich es nicht? Wäre es besser gewesen, du hättest mich nie kennengelernt? Ich schätze....ja....

Hey, weißt du, ich bin bald arbeitslos. Wie sollte es auch anders sein? Oh man, ich habe bisher wirklich nichts erreicht. Das witzige ist, dass andere mich immer für Dinge loben, die nicht mal Aufmerksamkeit verdienen. Es ist nicht erwähnenswert, dass ich es bis hier hin geschafft habe, dass ich durchgehalten habe. Denn schaut man hinter die Fassade und analysiert einmal, wie ich diese Zeit überstanden habe, so sieht man die Trümmer, die Narben, das Scheitern.

Du glaubst gar nicht, wie gerne ich gerade bei dir wäre. Ich möchte aufhören zu atmen. Ich habe unersättlichen Schmerz in mir. Meine Beine halten mich kaum noch und nur mit Not hangel ich mich von Tag zu Tag. Die Nächte bringen mein wahres Ich ans Licht, in der Dunkelheit hat meine Todessehnsucht die Macht über mich und die Wahrheit ist: ich ergebe mich ihr nur allzu gern.

Was ist nur mit mir passiert? Was ist damals mit dir passiert? Gleich werde ich meine Rasierklinge hervorholen und mich verletzen, werde dem Blut zusehen, wie es meinen blassen Arm hinabläuft. Ich werde meine Zähne aufeinanderbeißen, um das Brennen zu ertragen, werde meinen Augen zu sehen, wie sie, unter dem Schneiden, anfangen werden zu tränen. Werde mich zwingen weiter zu machen. Irgendwann werde ich mich dann verbinden und auf dem Verband rumdrücken, um mich erneut zu bestrafen. Es wird nicht das letzte Mal heute sein, dass ich mich quäle.

Ich habe Angst, Angst vor mir selbst. Es fühlt sich an, als würde ich ertrinken und ich habe aufgehört mich gegen die Wassermassen zu wehren. Ich gebe auf!
Vielleicht sehen wir uns schon heute Nacht wieder...

Wolkentänzerin

1 Kommentar:

  1. Ich wünsche Dir besonders für diese Nacht ganz viel Kraft, Wölkchen!

    Liebe Grüße, Tamaro

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