Mittwoch, 8. Januar 2014

Durch den Kopf

Meine Beine fühlen sich schwer an, mein Kopf will nicht oben bleiben. Die Tasse Kaffee in meiner Hand droht herab zu fallen, selbst dafür bin ich heute morgen zu schwach. Langsam führe ich sie wieder zum Tisch herab, meine Hand fängt dabei gefährlich stark an zu zittern. Doch ich schaffe es, den Becher heil abzustellen. Was ein Start in diesen Tag. Meine Gedanken schweifen ab, hin zu einem Ort, an dem Friede herrscht. Ich sitze auf meiner Wolke und starre bloß ins Nichts. Ein Windhauch streift mein Ohr und es klingt, als würde er mir etwas sagen wollen, doch ich kann ihn nicht verstehen oder vielleicht will ich das bloß nicht? Ich atme tief ein und spüre, wie eine Last von mir fällt - ich bin frei.
Wie lange war ich weg? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die Last zurück ist.
Mühsam bewege ich meinen Körper unter die Dusche. Das Wasser brennt auf meiner Haut; Genugtuung breitet sich in mir aus. So ist es gut! Ich zwinge mich den Schmerz länger als nötig zu ertragen. Ich schaue mich im Spiegel an und werde wütend. Dieses Bild was sich mir bietet ist mir nur allzu verhasst. Eine rote Haarsträhne fällt mir ins Gesicht und ich wickel sie um meinen Finger.
Wann habe ich überhaupt angefangen, mich derart zu hassen? Ich weiß noch, dass ich mit 15 Jahren in einen Spiegel geschlagen habe, nachdem mein TaeKwonDo-Trainer mich anfasste.
All meine Kraft, die ich mir in 7jährigem Kampfsporttraining angeeignet hatte, konnte ich nur gegen mich selbst richten. Welche Ironie...
Mein Bild trifft mich im Spiegel und ich muss an meine Schulzeit zurückdenken. Sie nannten mich das "Abturn-Girl". Ich hatte keine Freunde, war immer alleine. Nur mein Hund war da, doch er starb - wurde vergiftet.
Meine Eltern stritten sich im Wochentakt. Ich fing an, mich unsichtbar zu machen. Lief stundenlang durch den Wald, auf der Suche nach Antworten. Was ich fand war Ruhe und Abgeschiedenheit. Ich war weg, ganz weit weg.
Und heute? Meine Augen haben den Glanz verloren. Ich sehe müde aus und habe tiefe Augenringe. Naja, ein bisschen Schminke und alles sieht wieder ganz anders aus. Ich fange an zu grinsen. Es ist doch bescheuert. Jeden Tag trage ich eine Maske und kaum jemand weiß, was sich wirklich darunter verbirgt. Es ist meine eigenen Schuld. Ich kann mich nicht öffnen. Ich werfe Menschen vor, sie würden mich nicht verstehen, dabei gebe ich ihnen gar nicht erst die Chance das zu können.
Ich sacke hinab auf den Boden. Mit dem Rücken lehne ich mich an die Heizung - sie ist heiß, es schmerzt, das ist gut. Ich schließe die Augen und drifte ab in eine Zeit, in der ich glücklich war. Ich sehe mich als Kind, wie ich mit meinen Brüdern am Bach spiele, Baumhäuser baue und zufrieden bin. Wir lachen und freuen uns aneinander. Doch plötzlich erscheint eine Fratze vor mir. Sein Gesicht. Ich schrecke zusammen. Wieso erscheinst du ständig in meinem Kopf? Du hast da doch gar nichts mehr zu suchen. Du gehörst nicht mehr zu meinem Leben. Ach, was rede ich? Du hast nach so langer Zeit noch immer so viel Macht über mich. Du steuerst mich förmlich.
Ich reiße meine Augen auf und schaue herab auf meine Arme. Diese Narben müsstest du tragen, nicht ich.
Vor meinem inneren Auge taucht mein Vater auf. Ich erinnere mich daran, wie wir im Auto saßen und er mich aus dem Nichts heraus anfasste. Ziemlich brutal und an einer Stelle, die absolut tabu für ihn war uns ist. Ich sagte "Nein!" und "Hör damit auf! Hör auf!". Daraufhin antwortete er: "Wieso? Ich darf das. Du bist doch mein Eigentum." Auch wenn das in irgendeiner Weise scherzhaft gemeint war, so ging es trotzdem viel zu weit. Es war nicht das erste Mal und ich überlege, ob das vielleicht mit ein Grund war, weshalb ein Mensch es geschafft hatte, mir das schlimmste antun zu können. Hatte ich nicht gedacht, dass es richtig war? Dass ich nichts anderes verdient habe? Oh, wie lange habe ich das gedacht? Ich müsste dich hassen, weil du mich ver... hast und doch gebe ich mir dafür die Schuld. Ich sehe mich, wie ich in diesem Zimmer bin. Sehe dich. Sehe all das, was du mit mir tust. Spüre den Schmerz und höre die Stimme, die sagt: "Ja, das hast du verdient. Mehr bist du nicht wert!" Deine Hände drücke zu und ich kann nicht mehr atmen.

Ich zucke zusammen, mein linker Arm zittert und ich bin am ganzen Körper verkrampft. Der Minutenzeiger  tickt und ich erkenne, dass die Welt sich weiterdreht, egal was passiert. Ich jedoch bin vor langer Zeit einfach stehengeblieben und warte nun darauf, dass ich endgültig verloren gehe, dass die Welt sich immer weiter von mir entfernt. Dass sie mich gänzlich aus den Augen verliert und ich somit verschwinde.
In meiner Hand liegt eine kleine blitzende Rasierklinge. Das Gefühl ist mir bekannt und doch raubt es mir ein jedes verdammte Mal den Atem. Ein jeder Schnitt, ein jeder Tropfen Blut ist der Versuch mich selbst ertragen zu können. Und, um die Wahrheit zu sagen, sie sind der Versuch zu entkommen - endgültig.




Wolkentänzerin

Kommentare:

  1. oh Wolke ...

    ich kann dich gut verstehen. fühl dich geknuddelt ...

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  2. Oh mein Gott diese Worte ich wünsche dir so viel Glück das du alles meisterst und stark bist.

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