Mittwoch, 9. Oktober 2013

Zettelchen

Lieber ******,

ich habe heute sehr viel an dich gedacht und irgendwie warst du mir heute sehr nah, wobei du das im Grunde immer bist. Besonders, wenn ich diese schwarzen dunklen Gedanken habe.
Ich frage mich, wie es dir wohl gehen möge, bist du die Krankheit wohl losgeworden? War es die richtige Entscheidung? Oder hast du dich im letzten Moment umentschieden, hast aber zu spät erkannt, dass es kein Zurück mehr gab?

Was würdest du zu mir sagen, wenn du einen Einblick in das bekommen könntest, in das sonst niemand sehen darf. Wenn du sehen würdest, wie nah ich dir in einer jeden Nacht komme, wie oft ich schon die Treppe zu dir hinaufgeklettert bin und bei der letzten Stufe am Ende doch kehrt machte. Was würdest du also sagen? Wäre es eine Empfehlung es zu tun? Weil es das Beste war, was du je hättest tun können? Bist du befreit?
Oder bist du noch immer gefesselt, bedrängt von all den grausamen Gedanken, vom dem nicht aufhörendem Schmerz?

Mich durchzieht ein Gänsehaut provozierendes Gefühl, wenn ich den Entschluss fasse, dich auf dem Friedhof zu besuchen. Zugegeben, ich war schon etwas länger nicht dort. Aber ehrlich gesagt, dass rührt daher, dass ich glaube, mir damit den letzten Impuls geben zu können und dann gibt es für mich wirklich kein Zurück mehr. Und offen gestanden, mir juckt es in meinen Fingern, dich zu besuchen, mir den Ruck zu geben und zu erfahren, welche Antworten du mir auf meine Fragen geben würdest, welche ich mir geben würde.

Aber es gibt auch die Seite, bei der ich denke, wie wäre es, wärest du noch hier. Wir könnten über solche Emotionen und Hirnströme sprechen und ich könnte mir so sicher sein, dass du mich verstehst. Du würdest nicht sagen, ich sei bescheuert und krank. Nein, du könntest es nachvollziehen.

Ich konnte dich doch auch verstehen. Warum hast du das nicht verstanden? Ich wollte dir doch helfen, so wie ich jetzt deine Hilfe gebrauchen könnte. Könntest du mir überhaupt helfen? Wird aus zwei Minus ein Plus? Ich war auch vor ein paar Jahren ein Minus - viel mehr, als ich mir das je eingestanden hätte.

Vielleicht waren wir nicht gut für einander. Ich kann mich an unsere Gespräche erinnern, in denen es hauptsächlich um Suizid und Hoffnungslosigkeit ging. ******, ich habe dich genau verstanden, konnte ein jedes Wort nachvollziehen. Aber mir fehlte die Fähigkeit, dir das klarmachen zu können. Wir waren beide so verdammt verzweifelt, nur bin ich es jetzt immer noch. Und du? Tja, diese Frage werde ich mir wohl nur selbst beantworten können.

******, seit deinem Tod habe ich das Gefühl, nicht leben zu dürfen. Sobald Hoffnung und Freude in mir aufkeimt, töte ich es sofort ab, weil ich denke, dass ich das nicht empfinden darf. Ich habe dich sterben lassen, du hast dich mir anvertraut und ich hasse mich dafür, dass ich Hilfe bekomme. Du müsstest an meiner Stelle sein.

Sei dir sicher, ich würde alles tun, um den Platz mit dir zu tauschen. Aber das wäre auch unfair, weil du dann wieder in der Hölle wärst oder konntest du ihr nie entkommen?

Ach, ******, ich vermisse dich sehr. Erst vor ein paar Tagen habe ich Werther's Originale geschenkt bekommen und ich kann sie einfach nicht essen. In meinem Kopf erscheint das Bild von dir in der Schule, wie du diese Bonbons in dich hineingeschlungen hast, wie ein Kettenraucher seine Zigaretten konsumiert.

Verdammt, eine jeder Gedanke an dich, bringt mich dem Suizid so gefährlich näher. Du hast es getan, es ist machbar, ich kann das auch.

Wolkentänzerin


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