Dienstag, 8. Oktober 2013

Drahtseilakt

Vergeblich versuche ich meine Blick ausschließlich auf die vor mir liegenden Meter zu richten. Leise flüstere ich mir zu, dass ich das schaffen kann. Dass die Distanz viel geringer ist, als sie vermeintlich erscheint.
Der Wind säuselt mir an mein Ohr und ich erschrecke innerlich. Damit habe ich nicht gerechnet. Diese äußerlichen Einwirkungen habe ich nicht eingeplant. Voller Konzentration habe ich auf das Drahtseil unter meinen Füßen geachtet, ohne einzuplanen, dass ich mich viele Meter über dem Boden befinde. Ich merke wie ich das Gleichgewicht verliere und drohe abzustürzen. Die Panik kriecht in mir hoch und entwickelt ein Eigenleben.
Meine Gedanken werden immer dunkler und der Pessimismus hat seinen Weg zu mir zurückgefunden. Mein Blick haftet noch immer an dem Abgrund, der mir mit jeder Sekunde bekannter vorkommt.
Im Grunde habe ich immer gewusst, dass er da ist, dass ich ihn erreichen kann, ob ich will oder nicht. Weg war er nie.
Doch jetzt bekomme ich Angst, denn ich muss einsehen, dass er ein echter Ausgang dieses Szenarios sein kann. Das Drahtseil unter meinen Füßen schaukelt gefährlich heftig und ich muss einsehen, dass ich immer mehr die Kontrolle über meinen Weg verliere.
Meine Augen sehen das, was hinter mir liegt. Es erstaunt mich, aber ich bin erst ein paar Meter von der Seite entfernt, von der ich loslief. Wie konnte das sein? Es fühlte sich an, als wäre ich schon urlange unterwegs gewesen, kann mich nicht mehr daran erinnern, wie sich fester Boden unter den Füßen anfühlt.
Habe ich geschlafen? Es ist, als wäre es an mir vorbeigezogen. Wie die Landschaft während einer Zugfahrt. Habe ich mich entspannt zurückgelehnt und habe geschlummert, um an Kräfte zu gelangen?
Das kann nicht sein, denn ich bin erschöpft. Jegliche Energie ging in die Instandhaltung meiner Balance. Meine Gedanken rebellieren dagegen und sagen, ich solle doch einfach springen. Weg wäre die Schwere und die Belastung dieses Kunststückes.
Viele sagen, ich werde es schon schaffen, ich könne dieses Seil bezwingen, schließlich trainiere ich schon so lange auf ihm.
Aber jetzt ist es Ernst: Unter mir ist der harte Boden, der mich nicht abbremsen wird, sondern der meinen Kopf beim Aufschlagen zerschmettern wird und mich im Null-Komma-Nix ins Jenseits befördern kann.
Jeder weitere Schritt kann tödlich enden und doch ist es die einzige Möglichkeit, um auf die andere Seite zu kommen.
Aber ich bin erschöpft, meine Konzentration fällt weg und umso gefährlicher wird mein Unternehmen.
Es ist sehr wirr und ich selbst blicke auch nicht mehr dadurch. Ich weiß nur, dass ich dutzende Meter über der Erde auf einem viel zu dünnen Drahtseil laufe und jeder Schritt ein Risiko ist.

Wolkentänzerin

Kommentare:

  1. Lass Dich nicht durch diese verlockenden Bilder täuschen...

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  2. Balance. Der Akt der Tänzer, die alles dafür getan haben ihren Sinn für das Gleichgewicht zu schärfen. Gleichgewicht. Gleiche Gewichte an zwei Seiten, um die Spannung zu halten. Die Spannung aber auch die Verbindung.
    Eine Verbindung die das Seil hält und der einzige Weg ist, auf dem der Tänzer gehen kann.
    Zuschauer fürchten, der Tänzer könnte fallen. Sie ahnen den Verlust. Halten sich die Hände vor das Gesicht, atmen reflexartig und stockend. Manche Augen sind geweitet und die Angst befällt sie. Die Angst vor dem Verlust. Sie fühlen, welche Kraft es kostet und sie ahnen, das auch sie Seiltänzer werden, wenn dieser eine fällt. Doch sie können nicht helfen, schreien und kreischen sich die Seele aus dem Leib, doch der Tänzer hört sie nicht. Zu weit oben das gespannte Seil. Zu weit weg von allen anderen. Und der Wind trägt keine Stimme zu ihm.
    Um ihn herum ist alles still. Nur seine Gedanken, seine Angst schreit ihm ins Gesicht. Verhöhnt und verspottet ihn. Lässt in ihm Glauben, keinen Sinn für die Balance zu haben. Keinen Verstand und keine Kunstfertigkeit, keine Fähigkeit die er geschärft hat. Die er sich hart erarbeitet hat, die ihn sehen ließ, was andere nicht zu sehen vermochten. Doch er hat es vergessen. Im Angesicht der Angst einfach vergessen. Denn er hat nie gewollt Seiltänzer zu sein. So gräbt sich eine Frage in seine Angst, warum bin noch hier?
    Doch es gibt keinen Grund. Er findet ihn nicht. Er findet nur die Sinnlosigkeit, die Angst und die Erschöpfung. Sonst nichts und er sieht zurück. Den langen, wackeligen Weg, der schon genommen hat. Darum sieht er nicht, was da vor ihm geschehen ist. Wie eine Frau auf den hohen Mast kletterte und vergeblich die Hand zu reichen versucht. Würde sie auf dem Seil stehen, keine Sekunde würde sie sich halten können. Sie kann nicht, was der Tänzer vollbringt. Sie hat es nicht gelernt. Hat es nie auch nur zu träumen gewagt. Ihre Unbeholfenheit würde das Seil noch mehr zum zittern bringen, würde den unvergleichlichen Tänzer noch mehr ins wanken bringen, darum wagt sie es nicht auf das Seil zu gehen, noch ihm zuzurufen. Darum hält sie nur still ihre Hand und hofft und betet, das der Tänzer seinen Glauben an seine Kraft nicht gänzlich verliert. Denn es gibt nur einen Tänzer wie ihn, nur einen einzigen der dieses Seil begehen musste und bisher, bisher hat er sich gehalten.

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