Mittwoch, 18. September 2013

Wege

Ich sehe auf meine Füße und bemerke, dass sie ihre Schritte fortgesetzt hatten, ohne dass ich davon Notiz genommen hatte. Nun befinde ich mich vor einer Weggabelung und meine Füße, die bisher auch ohne meine Anteilnahme, gewusst hatten, was zu tun war, sehen mich an, als würden sie fragen: "Und jetzt? Wohin?" Weshalb wurde mir genau diese Frage gestellt? Hätten meine Füße nicht einfach automatisch handeln können? Und wo war ich überhaupt die ganze Zeit mit meinen Gedanken gewesen? Es war, als wäre ich plötzlich aus einem viel zu langem Traum aufgeschreckt, in die Realtität eingetaucht und versuche gerade verzweifelt den Weg zurück zu finden.

Aber ich stehe nun vor dieser Zweiteilung des Weges und bin hoffnungslos verloren. Bleibe ich hier, setze mich auf den Boden und warte, bis mich jemand holen kommt. Oder gehe ich den Weg, der mit Dornen verhangen ist und den Anschein macht, bei jedem Meter dunkler zu werden. Und dann wäre da noch die andere Strecke, die verwunderlicher Weise eine Tür am Ende bereit hält. Trotz der Entfernung kann ich den darauf befindlichen Schriftzug entziffern: Ausgang.
Wäre das nicht perfekt? Ein Ausgang - nächste Station Ungewissheit.

Mein Blick schweift auf den dunklen dornigen Weg ab und mir wird klar, dass auch dieser Gang die Ungewissheit im Gepäck hat. Mir wird eben so deutlich, dass es genau diese Geheimnis ist, das das Leben für viele so schön und wundervoll macht. Die Spannung ebbt nie ab, denn jeder Tag hat die Macht alles zu verändern.

Doch vielleicht ist es eben das, was es für mich so schwer macht. Hätte ich die gesamte Offenheit über mein Leben, wüsste exakt was noch passieren wird und wie schlimm es noch werden wird, dann könnte ich sagen, ja, ich will leben. Ja, ich denke, dafür lohnt sich der Kampf. Ja, dafür ist es wert zur Therapie zu gehen.
Genauso könnte es jedoch auch sein, dass ich trotzdem sage, nein, ich werde es beenden. Ich werde mir die Luft zum Atmen nehmen. Ich gehe. Dafür lohnt es sich nicht. Das stehe ich nicht noch einmal durch.

Ich sehe hinauf in den Himmel, betrachtete die Wolkenformationen und frage mich, was mein Schöpfer zu all dem sagen würde. Ob er wohl gerade den Kopf über mich schüttelt und weint oder über meine Naivität lacht. Keine Ahung welche Reaktion ich mir erhoffen würde.

Tränen laufen mir über das Gesicht, mir ist innerlich so eisig und ich bin erschöpft. Für einen kurzen Moment schließe ich meine Lider und träume von der Freiheit, von dem Frieden und der Ruhe. In meinen Ohren ertönt die Melodie der Schwerelosigkeit, des Glücks. Ein Luftzug säuselt durch mein langes Haar und gibt mir das Gefühl fliegen zu können. Doch eben das ist es, was mich erschrecken, die Augen aufreißen und mir die Tränen in die Augen schießen lässt.

Ich stehe in der Ausgangstür, mein Fuß ist bereits über die Schwelle getreten und kurz davor den letzten Halt zu verlieren. So sehr es mich auch erschreckt, aber ich habe das getan. Ich war es, die zu der Tür ging und die Klinke hinunter drückte. Und doch verkrampft sich mein Herz bei diesem Gedanken. Ich will nicht glauben, dass das mein Wunsch ist, dass das der Weg ist, den ich wirklich gehen will.

Ich gerate in Panik und fange an zu schreien, weil ich möchte, dass mich jemand aufhält, dass man mich zurückzieht, mich beruhigt. Dass mich jemand an die Hand nimmt und mit mir den anderen Weg geht.

Damit dieser Wunsch nicht mehr meiner ist...



Wolkentänzerin

1 Kommentar:

  1. Dieses 'Geheimnis' und die Ungewissheit, nichts über die Zukunft des eigenen Lebensweges zu wissen, ist allerdings in Zeiten des Zweifels für jeden Menschen mit einer schweren Phase verbunden. Und zweifeln wird jeder Mensch auf seinem Weg...
    Und dann gilt für jeden, das 'Nichtwissen', ob es sich lohnt oder nicht, auszuhalten.
    Unter diesem Gesichtspunkt kannst Du auch sicher sein, dass Du mit Deinen Gefühlen und der Todessehnsucht nicht allein bist...
    Doch auch da zeigt das Beispiel von anderen, dass es möglich ist, da herauszukommen.

    Alles Gute für Dich...

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