Mittwoch, 7. August 2013

Posttraumatische Belastungsstörung

So nennt sich das, was ich habe. Eine posttraumatische Belastungsstörung ist das Ergebnis eines oder mehrerer traumatischer Erlebnisse. Mein Gehirn hat die Erinnerungen daran falsch abgespeichert, sie führen sozusagen ein Eigenleben.

Es gibt einige Symptome, die dieses Krankheitsbild begleiten:

+ Wiederholte, zwanghafte Erinnerungen an das Ereignis oder an bestimmte Teile
+ häufiges und intensives Wiederdurchleben des Traumas, z.B. in Form von Alpträumen oder Tagträumen
+ Handeln und Fühlen, als ob das Ereignis wiedergekehrt wäre
+ Unvermögen, das Ereignis aus der Erinnerung zu verbannen
+ Vermeidung von Situationen, die eine Erinnerung an das Trauma mit sich bringen könnten.
+ Angst
+ Depression
+ Selbstmordgedanken
+ gefühlsmäßiges Abgestumpftsein
+ Empfinden von Entfremdung von anderen oder der Welt um sich herum
+ Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten
+ Unfähigkeit, sich zu entspannen
+ Schlafstörungen
+ Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit, Wutausbrüche
+ Verlust von Interessen, die vorher bestanden
+ Schuldgefühle

Die Symptome einfach hier aufzulisten, kann das Ausmaß nicht wirklich zeigen. Für mich und mein Leben heißt das, extrem eingeschränkt zu sein. 

Ich sitze oft einfach da und starre ins Nichts, dann bin ich nicht mehr ansprechbar und nehme mein Umfeld in keinster Weise mehr wahr. Wo genau ich dann bin, kann ich kaum beschreiben, manchmal spielen sich die Erlebnisse meines Leben vor meinem inneren Auge ab, manchmal gehe ich irgendwo spazieren und manchmal bin ich einfach leer.
Als ich in der Klinik war, verstärkte sich dieses Verhalten, auch Dissoziation genannt, wodurch es zu peinlichen Situationen kam: So war ich einmal mit einem Mitpatienten einkaufen und blieb auf einmal mitten in einem Laden stehen, war nicht ansprechbar. Erst als man mich antippte, reagierte ich wieder. Ich schrak zusammen und wusste im ersten Moment nicht, wo ich war. Als ich realisierte, dass ich mal wieder abwesend war, war mir das so unangenehm. Es war Glück für mich, dass jemand da war, der wusste, damit umzugehen. 

Dann gibt es häufig ein Gefühl des Druckes in mir. Mein Herz fängt an zu rasen, ich kann kaum atmen und ich würde mir am liebsten die Haut abziehen. In solchen Phasen bin ich sehr aufgeregt, erinnere mich unfreiwillig an die schlimmsten Dinge in meinem Leben. Das Schlimme daran jedoch ist, dass ich mich nicht selbst beruhigen kann. Ich komme nicht von selbst raus aus diesen Gefühlen. Viele sagen dann zu mir, ich solle einfach ruhig bleiben, mich ablenken und an etwas positives denken. Die Sache ist nur die: Das geht nicht. Ich bin unfähig, meine Gedanken und Gefühle zu steuern, ich bin sprichtwörtlich gefangen in mir selbst. 
In diesen Momenten wachsen meine Suizidgedanken gefährlich stark an und ich habe oft Angst, ich könnte sie in die Tat umsetzen. Einerseits möchte ich Freiheit, Erlösung und Ruhe, andererseits hingegen weiß ich, dass ich das meinen Liebsten nicht antun darf.

Ich bin sehr ängstlich und kann es absolut nicht haben, wenn jemand hinter mir steht. Oder wenn jemand hinter mir herläuft, egal welchen Geschlechts diese Person ist. Bevor ich abends ins Bett gehe, steigt meine Angst ins Unermessliche, denn ich weiß, was mich erwarten wird. Jede Nacht träume ich ein und dasselbe. Dann wache ich nachts auf und habe das Gefühl, gestorben zu sein. Für einen kurzen Moment stellt sich eine friedvolle Erleichterung ein, bis ich merke, dass ich noch lebe. Im nächsten Augenblick kehrt die Schwere wieder und breitet sich wie ein riesiger Stein auf meiner Brust auf und ich japse erfolglos nach Luft. Wenn ich morgens aufstehe, fühle ich mich wie gerädert und bin hundemüde. Alles was ich tue, fällt mir zunehmend schwer und immer häufiger schweife ich in dissoziatives Verhalten ab. 

Im Grunde fühle ich mich die meiste Zeit leer und fremd. Als wäre ich kein Teil dieser Welt, ich kann nichts empfinden, keinen Schmerz, keine Freude, keine Wut. So sehr wünsche ich mir, ich könnte etwas fühlen. Ab und zu habe ich einen guten Tag, an dem ich ein Stück weit unbeschwerter sein kann, doch diese Tage sind rar und doch so wertvoll für mich. 

Dazu kommt noch, dass ich absolut unfähig bin, Nähe zulassen zu können. Eine Umarmung ist schon grenzwertig, mitunter jedoch auch ganz schön, doch alles weitere ist ein einziger Horror für mich. Sofort spielt sich automatisch der Film ab und die Berührungen unterstreichen den Effekt, es wird beängstigend real und ich brauche lange, um mich davon wieder zu erholen.

Außerdem gebe ich mir für all das Geschehene die Schuld, was mich zu Selbsthass und suizidalen Gedanken verleitet. Die Rasierklinge wird in letzter Zeit wieder einer meiner steten Begleiter, der Schmerz stoppt die Taubheit für einen kurzen Moment. 

Ich versuche, mich dagegen zu wehren, doch jede Anstrengung mich normal zu verhalten, scheitern. Zwar weiß ich auch, dass ich die Symptome nicht einfach ausblenden kann, aber ich bin am Ende all meiner Kraft.

Die Therapie wird noch Jahre dauern. Die Erinnerung soll in mein Leben eingebaut werden, wie ein ganz normales Erleben einer banalen Situation. Die damit verbunden körperlichen Reize sollen verblassen und irgendwann verschwinden. Die traumatischen Erlebnisse werden nicht weggehen, aber der Sinn der Therapie ist, dass ich lerne damit leben zu können.

Bis dahin ist es ein steiniger und steiler Weg, der mir meine gesamte Kraft raubt. Jeden einzelnen Tag bin ich so kurz davor aufzugeben. Mich der dunklen Macht hinzugeben und mir den Hauch des Lebens zu entziehen.

Und doch sind da Menschen, die mir sagen, ich solle durchhalten, die eine Schulter haben, an die ich mich mal anlehnen kann.Die Wahrheit jedoch ist, dass ich damit allein bin. Niemand kann diesen Kampf, den andere anfingen, für mich kämpfen.




Wolkentänzerin

Kommentare:

  1. Antworten
    1. Das sollte nur heißen, ich sitze schweigend neben Dir, ohne Dich zu bedrängen oder irgend einen 'Senf' abzugeben, bin aber da.

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  2. Ich kann es nachfühlen. Habe selbst mit PTBS gekämpft. Über ein Jahr Traumatherapie (EMDR) hat mir geholfen.
    Aber es war eine verflucht schwere Zeit. Ich wünsche Dir, dass Du die Kraft hast, durchzuhalten. Alles Gute!

    Drago

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  3. Careteam_Helfer21.12.13, 18:03

    Ich glaube, dass es ganz wichtig ist sich mit dem Geschehen auseinander zu setzen und das Geschehene zu akzeptieren. Du machst das schon ganz gut, weil du darüber schreibst. Das Hilft. Aber auch eine weitere psychologische Hilfe und Seelsorge wäre notwendig, damit du das alles nicht allein bearbeiten und verkraften musst. Ich weiss, dass zum Beispiel ein Care Team mit seinen CareGivern Seelsorge anbietet. Ich finde das ganz toll, denn die sind direkt vor Ort tätig mit Notfallpsychologie und versuchen da schon das schlimmst abzuwenden. Das Careteam aus den Kanton Zürich finde ich ganz toll http://www.carelink.ch, ich weiß nicht wie das in Deutschland aussieht mit solchen Care Teams. Schau doch mal ob es da etwas ähnliches gibt.

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