Montag, 8. Juli 2013

Erinnerung

Die Uhr zeige 3:56 als ich aus dem Schlaf hochschreckte. Ich fühlte mich, als würde ich ersticken, konnte seine Hände an meinem Hals spüren, wie sie immer fester zu drückten; konnte hören, wie ich nur noch ein flehendes "Bitte" hervorbringen konnte. Eine Träne lief mir über das Gesicht, doch als meine Finger meine Wange berührten, konnte ich nur die Wärme ertasten, die seine Ohrfeigen ausgelöst hatten.
Meine Erinnerung und die tatsächliche Realtiät vermischten sich wie jede Nacht in ein gefährliches Gemisch. Ich legte meine Hände auf meinen Hals, um mir selbst zu verdeutlichen, dass niemand dort war - nur ich. Der Schmerz kroch mir in meine Knochen und verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Er war mir bekannt, hatte trotzdem die Fähigkeit mich immer wieder umhauen zu können.
Ich rollte mich zusammen, versuchte es einfach auszuhalten. So sehr wünschte ich mir, ich könnte schreien, weinen, fliehen, vergessen.
Aber ich war gefangen, gefangen in meiner eigenen Erinnerung.

Ich habe meine Erinnerung einige Mal umgeschrieben, habe ein gutes Ende eingebaut, wollte damit mein Bewusstsein manipulieren. Doch meine Festplatte hat das Geschehen so stark abgespeichert, dass ich es noch nicht geschafft habe, es zu überlisten.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten: 1. Ich kämpfe und besiege meine eigene Erinnerung
                                                     2. Ich gebe auf und finde Frieden

Meine derzeitige Verfassung ist ein täglicher Drahtseilakt zwischen diesen beiden Varianten mit einer feinen, aber ausgeprägten Tendenz zu Nummer 2.


Wolkentänzerin

Kommentare:

  1. Aber ich hoffe, es neigt sich wieder der Nummer 1 zu...

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  2. Ach Wölkchen,

    Du brauchst weder das eine noch das andere zu tun. Deine Erinnerung "besiegen" kannst Du nicht; dazu müsstest Du sie ändern. Aber dann belügst Du Dich selbst. Du brauchst auch nicht aufzugeben, weil Du damit Dich selbst aufgibst. Du solltest - mit professioneller Hilfe - daran arbeiten, dass die Erinnerung eine "bloße Erinnerung" wird, dass sie nicht auch noch "mehr" (Quelle der Angst, Schlaflosigkeit, etc.) ist. Ich mache eine EMDR-Traumatherapie. Sie hat mir dazu verholfen, dass ich "nur noch" die Erinnerungen an das Schreckliche verspüre, aber sonst "im Reinen" bin. Meine Therapie ist beinahe abgeschlossen, und es geht mir um Lichtjahre besser. Da ist nichts mehr, was mich schreckt, ängstigt, verrückt macht, zittern lässt .... Nur noch die Erinnerung an die unveränderlichen Tatsachen. Ich wünsche Dir so sehr, dass Du in Zusammenarbeit mit einem hervorragenden Therapeuten auch "Deinen Frieden findest", ohne Dich völlig aufzugeben.

    ICH DENKE JEDEN TAG AN DICH!

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  3. Liebe Wolkentänzerin,

    ich habe große Achtung vor dir und deinem Schicksal.

    Die folgenden Zeilen geben meine Ansicht zum Thema "Frieden finden" wieder:

    Meiner Ansicht nach hast du die einzige echte Lösung bereits in deinem Beitrag aufgeschrieben:
    Das "Aufgeben"! - Allerdings verstehe ich unter Aufgeben etwas anderes als du!!!

    In meinem Leben habe ich nie so traumatisierendes erlebt wie du - aber wenn mir etwas ernsthaft Probleme macht, dann ist Aufgeben der einzige Weg zu innerem Frieden.

    Aufgeben bedeutet für mich, aufzuhören gegen etwas zu kämpfen.... was sich durch kämpfen nicht mehr rückgängig gemacht werden kann....
    Aufgeben bedeutet für mich Hingabe an ein größeres Schicksal, welches ich nie gewollt habe, welches ich nicht als gerecht ansehe...... und welches doch das größere Schicksal ist..... und mir genau so geschehen ist, wie es geschehen ist.....!

    Es ist passiert, was hätte nie passieren dürfen..... - Schrecklich! - Unumstößlich!

    Es lässt sich nicht rückgängig machen..... - durch nichts rückgängig machen - leider!

    Doch es gibt ein "Aufgeben"..... ein "Zustimmen"......
    Nein, mit Zustimmen meine ich nicht, zu erlauben, dass er es tun darf..... dass er es tun durfte..... - Nein!
    Mit Zustimmen meine ich, zuzustimmen..... dass es nun mal zum eigenen Schicksal gehört...

    Mit Zustimmen meine ich ein "Ja, es ist so passiert! - Ich mag nicht, dass es so ist, ich hasse es, dass es so ist...... Aber: Ja, es ist so passiert!!!"

    Aufgeben - aufzuhören, gegen etwas zu kämpfen, dass schon geschehen ist..... und sich im nachhinein auch von diesem Kämpfen nicht mehr verändert werden kann....
    das sich, weil es bereits geschehen ist, sich von diesem Kämpfen in keinster Weise beeindrucken lässt.....

    Aufgeben - im Sinne von "Ja es ist so geschehen! Leider! Ich wollte das nie -
    aber es ist eine Tatsache, dass es so geschehen ist."

    Aufgeben, gegen eine bereits geschehene Tatsache zu kämpfen........
    ==>> Der meiner Ansicht nach einzige Weg zu wirklichem inneren Frieden!

    Liebe Grüße

    Tao

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