Donnerstag, 1. November 2012

Autounfall

Vor einigen Monaten, passierte es.

Ich war mit zwei Freundinnen ins Kino gefahren, wir haben den Film "Safehouse" geguckt und beschlossen danach kurzerhand noch, in eine Disco zu gehen.

Wir tranken alle drei ein paar Cocktails, waren angeheitert und beschlossen, zurück in unsere Stadt zu fahren und dort weiterzufeiern.
Leichtsinnig wie wir waren, stiegen wir ins Auto und ließen unsere, ebenfalls angetrunkene, Freundin fahren. Dabei haben meine Eltern mir immer eingebläut, ich solle nie in einem Auto mitfahren, wenn auch nur ein Insasse betrunken sei. Zu schnell könne etwas passieren.

Doch da ich ziemlich betrunken war, bin ich, ohne zu überlegen, eingestiegen. Wir fuhren eine Landstraße entlang, die ziemlich viele enge Kurzen beinhaltet und meine Freundin, die hinterm Steuer saß, sagte scherzhaft: "Soll ich euch mal mit 100 durch die Kurve jagen?".

Dann sahen wir es, ein Auto stand direkt hinter dieser Kurve quer auf der Straße, halb im Graben. Es war gegen einen Baum gerast, dahinter noch ein Wagen.
Wir hielten sofort an, wollten Erste Hilfe leisten. Hatten kurz vorher noch einen San-A-Schein gemacht.
Als wir auf die Straße traten, fragten wir: "Ist alles in Ordnung?" - Wenn ich so darüber nachdenke, eine ziemlich dämlich Frage, war es schließlich offensichtlich, dass da nichts in Ordnung war.

Die Insassen des zweiten Fahrzeugs, das vollkommen unversehrt war, waren höchstens 24. Sie waren zu zweit in dem Auto gewesen und erzählten uns, sie wären auf einer Privatfeier gewesen und wollten noch woanders einen Absacker machen. Sie seien hinter dem ersten Auto hergefahren, das dann auf einmal aus heiterem Himmel gegen den Baum geknallt sei. Der eine Junge sagte immer und immer wieder, in dem ersten Auto sei sein "Bester". Er müsse seinem "Besten" doch helfen.

Sofort liefen wir zum Unfallfahrzeug, es war vollkommen demoliert, der Fahrer ansprechbar, doch überall war Blut. Die beiden auf dem Rücksitz hatten "nur" einen Schock und wurden ziemlich aggressiv, als wir sie baten, auszusteigen.
Dann fiel unser Blick auf den Beifahrer, er war ohnmächtig, nichts ansprechbar, blutüberströmt.
Da noch niemand die Polizei und einen Krankenwagen geholt hatte, riefen wir sie an.

Sofort versuchten wir, den Beifahrer aus seinem Sitz zu befreien und ihn aus dem Auto zu hieven. Ein Anwohner half uns dabei.
Wir hatten jedoch einige Zeit verloren, weil der besagte Anwohner sich nicht sicher war, was nun wirklich zu tun wäre und ob es vorteilhaft wäre, den Beifahrer aus dem Auto zu ziehen. Wüsste er schließlich nicht, wie die stabile Seitenlage zu machen wäre. Wir versicherten ihm, wir wüssten das.
Denn wir hatten es gelernt, wussten, was zu tun war. Gerade, als wir ihn herausholen wollten, trafen Polizei und Feuerwehr ein und übernahmen das für uns.
Sie holten den Jungen raus und reanimierten ihn noch an der Unfallstelle. Die Hand meiner Freundin war voller Blut, sie hatte ihn am Hinterkopf gestützt, es sah schlecht aus für ihn. Ich konnte meinen Blick nicht von seinem Gesicht nehmen, ich war wie hypnotisiert.

Unsere Zeugenaussagen wurden von der Polizei aufgenommen. Da sah ich eine Person, die mir schmerzhaft bekannt war. Es war ein Notfallseelsorger, der selbe, der da war, als mein bester Freund Suizid begangen hatte. Er hatte die Beisetzung gehalten. Und jetzt stand er da, kümmerte sich um die Freunde des Schwerverletzen.

Wieder einmal wollte ich helfen und konnte es nicht. Der Polizist, der unsere Aussagen aufgenommen hatte, sagte, wir dürften jetzt fahren und das taten wir auch. 

Einige Tage später erfuhren wir, dass der Fahrer stark alkoholisiert war und zudem Drogen genommen hatte. Auch der Beifahrer war drogenabhängig, was die Rehabilitation störte. Er lag sehr lange im künstlichen Koma, dann die Freude, er war auf dem Weg der Besserung.

Als ich dachte, alles wäre nochmal gut ausgegangen, die verstörende Nachricht: Er war gestorben, unterlag seinen Verletzungen.

Bilanz? Ich hab mal wieder nicht helfen können.



Wolkentänzerin

Kommentare:

  1. Kein Trost für Dich, aber viele Reanimationen sind letztendlich nicht erfolgreich, damit müssen auch Sanis und Notärzte leben lernen, die viel mehr Leute verlieren.

    Ihr habt Hilfe geholt, dadurch konnte zumindest der Fahrer gerettet werden. Wer weiß ob es für den Beifahrer anders ausgegangen wäre, selbst wenn sofort ein Krankenwagen dagewesen wäre.

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  2. Leider kann man oft nicht helfen, aber ich denke irgendwo in den weiten des Sein wird auch der Wille registriert, was leider nichts daran ändert an den bleibenden Vorwürfen die man sich macht.

    Ist der Lauf des Lebens. Dich trifft keinerlei Schuld!

    LG Björn

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  3. Das ist ein Phänomen, das uns im Leben so oft begegnet. Wir wollen in einer Situation helfen, wir geben uns alle Mühe. Und doch ist es eine Situation, an der wir scheitern müssen. Weil sie zu groß, zu heftig für uns ist. Weil wir es mit Dingen zu tun haben, die jenseits unserer Einflussmöglichkeiten stehen - wie zum Beispiel das Sterben! Es ist traurig, nicht wirklich helfen zu können. Es ist traurig, dass wir nicht in der Lage sind, die Welt zu retten. Aber es ist so. Schuld ist hier überhaupt nicht das Thema. Aber die Fassungslosigkeit über die eigene, dann so schmerzhaft bewusst werdende Ohnmacht ist enorm.

    Wir müssen immer neu versuchen, damit (eigentlich mit UNS) klarzukommen!

    Liebe Grüße
    Drago

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  4. Du hast geholfen, kleines. Immerhin habt ihr angehalten, obwohl ihr selbst eine Anzeige wegen Trunkenheit riskiert habt. Andere wären einfach weiter gefahren und hätten das ganze Geschehen ignoriert.

    Wie du weißt, hatte ein Freund von mir vor kurzem einen Unfall, bei dem auch jemand ums Leben kam. Ich und niemand anderes konnte daran etwas ändern.

    Kopf hoch also und schau auf dich. Drück dich ganz fest,

    liebe Grüße, Tash

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  5. Das kannst du dir nicht ernsthaft selbst anlasten. Wer besoffen und auf Drogen Auto fährt, dem kann keiner mehr helfen, ausser er hat irres Glück.

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