Sonntag, 28. Oktober 2012

Jener Donnerstag

Es war ein Donnerstag, ich erinnere mich daran, als wäre es gestern erst geschehen. Du warst in der Schule und warst so verändert. Ich habe gemerkt, dass da etwas nicht stimmt, doch konnte ich dich nicht drauf ansprechen.

Samstag davor war doch noch alles gut gewesen. Du hattest einen Leichtathletikwettbewerb, hast gelacht und dich so gefreut. Alles schien besser, ich habe mir unsere Zukunft schon ausgemalt, habe gedacht, wir würden zu viert noch so viel Freude erleben. Sie hat dich gefragt, ob du ihr einen Jungen klarmachen könntest. Es tat mir ihm Herz weh, ich wusste, wie verliebt du in sie warst und sie wusste es auch...

Dann am Montag hast Du uns die Freundschaft gekündigt, hast gesagt, du könntest es nicht mehr ertragen sie zu sehen, mit ihr befreundet zu sein. Du bräuchtest Abstand und könntest dich auch nicht mehr mit mir treffen, es würde uns ja immer nur im 3er-Pack geben. Ich habe es nicht verstanden, du warst mein bester Freund, ich konnte über alles mit dir reden - wirklich alles. Dir habe ich vertraut, ich wusste, wie es dir ging und es tut mir leid! Es tut mir leid, dass ich nicht genung für dich da gewesen bin.

In der Schule haben wir seit dem Montag nicht mehr miteinander geredet. Du hast Zeit mit Jungs verbracht, die du nicht ausstehen konntest und ich habe es kaum ertragen, das mit ansehen zu müssen.
Ich habe mich immer und immer wieder gefragt, wie ich die Freundschaft zu dir wieder grade rücken könnte, wie ich es schaffen könnte, dass die Freundschaft nicht gänzlich zerbricht. Ich dachte, spätestens, wenn sie ins Ausland gehen würde, würden sich die Dinge wieder regeln. Oh, wie naiv ich doch gewesen bin.

Am Donnerstagnachmittag saß ich Zuhause und schaltete den Computer ein, ich sah nach, ob du vielleicht bei Icq on wärst, wollte ich doch mit dir schreiben, sagen, wie sehr ich die Gespräche und Telefonate mit dir vermisse. So suchte ich in der Liste deinen Namen, du warst off und hattest als Statusmeldung den Satz: "Mein letzter Tag <3". Ich weiß noch, wie mir mein Blut in den Adern gefrier, ich weiß noch, ich bekam Panik.

Hattest du mir nicht erzählt, welches Gefühl, welchen Wunsch du hattest? Ich wusste es. Wusste wo, wieso und wie. Und ich sagte dir auch, ich müsse das jemandem erzählen und du sagtest, nein, du gingest ja zu deiner Therapeutin. Als du ein paar Tage später zu mir kamst und sagtest, du hättest diese Gedanken nicht mehr, glaubte ich dir. Habe ich nicht gewusst, dass das nur eine Lüge war? Ich selbst wusste doch genau, dass diese Gedanken nicht von jetzt auf gleich verschwinden, sondern sie einen ständig begleiten. Es keine Wunderheilung gibt. 
Mein lieber Freund, ich wusste, wie es sich anfühlt, ich wusste es schon vor zwei Jahren, trug diese Gedanken selbst seit einigen Jahren mit mir rum und tue es auch heute noch. Ich wusste, es war eine Lüge. Doch ich tat nichts. Ich tat einfach nichts.

Ich rief S. und D. an, sagte, was ich gelesen hätte. Sah, dass du auch auf Schülervz etwas geschrieben hattest. Du schriebst, dass würde das jemand lesen, wärst du bereits tot; Du wollest ein Zeichen gegen die Intrigen und Lügen auf dieser Welt setzen, könnest das alles nicht mehr ertragen.
Wir fuhren sofort zur Polizei, wollten, dass du gesucht wirst.
Wir suchten überall, nur nicht dort, wo du warst. Aber wusste ich es nicht? Ich wollte in den Wald fahren, wollte dir die Tüte vom Kopf ziehen. Wusste, dass du dort warst.
 Es regnete in Strömen, wir fuhren zu dir nach Hause, schauten durch das Fenster in dein Zimmer - es war unordentlich, ein Zeichen dafür, dass wirklich etwas passiert sein musste.

Die Polizei suchte bis 1Uhr nachts zusammen mit deinem Stiefvater den Wald durch - keine Spur von dir.

Am Freitagmorgen sollten wir eine Deutschklausur schreiben. Da du jedoch immer noch nicht aufgetaucht warst, wurde sie verschoben. Ich saß da und hörte, was meine Mitschüler sagten. Eine sagte, darauf, dass du sicherlich frieren würdest: "Ja, er ist doch selbst schuld, was ist er auch so dumm und bleibt über Nacht weg. Es geschieht ihm ganz recht."
Die Polizei befragte uns, wollte wissen, ob Du das wirklich ernst gemeint haben könntest.
Ich war mir leider sicher, dass du nie etwas gesagt hast, ohne wirklich darüber nachgedacht zu haben.

Ich saß im Kunstunterricht, neben mir der leere Platz. Du hättest da sitzen sollen. Ich hielt es nicht aus. D., S. und ich fragten, ob wir gehen dürften und wir durften. Wir gingen in den Wald, wollten dich suchen.
Wir riefen nach dir - keine Antwort. Ich erhielt einen Anruf, meine Mutter sagte mir, bei uns läge ein Brief von einem D*****. Mir wurde schlecht, denn das konnte nur ein Abschiedsbrief von dir sein.
So schnell ich konnte lief ich nach Hause und öffnete ihn, ich konnte keine einzige Träne weinen, denn ich war einfach schockiert. Du hattest ihn per Post verschickt, hast alles ins kleinste Detail geplant gehabt. Keine Möglichkeit einen Rückzieher zu machen.

D. und S. hatten auch Abschiedsbriefe. S.s Brief hast du sogar persönlich eingeworfen. Ich denke, ich verstehe deine Motivation dafür. Wir sagten sofort dem Polizisten Bescheid, der sich mit uns traf und meinen Brief, das letzte, was ich von dir hatte, mitnahm. Er sagte bloß, du wärst sicher nur weggelaufen, kämst bald zurück, wir sollten uns nichts so viele Sorgen machen.

Der Freitag verging und kein Lebenszeichen von dir. Bis mich D. um 16:23 anrief. Sie sagte, schau mal ins Internet. Ich erfuhr die Nachricht durch das Internet: auf der Seite eines Lokalsenders die Nachricht: Man hatte dich gefunden, im Wald, tot.
Ich weiß nicht, wann ich vor Schmerz jemals so laut geschrien habe, wie an diesem Tag. Ich weiß auch nicht, ob ich jemals so viele Tränen geweint habe, wie an diesem Wochenende. Ich weiß nur, dass ich seit jenem Wochenende keine Tränen mehr habe.

Am Montag erfuhr ich, dass man dich mit einer Tüte über dem Kopf gefunden hatte, ein paar Schritte vom dem Ort entfernt, wo D, S und ich gestanden und nach dir gerufen hatten. Ich erfuhr, dass der Anruf meiner Mutter uns davor bewahrt hatte, dich zu finden.

In der Schule liefen so viele Menschen rum, weinend. Es gab einen Raum der Stille, es tummelten sich Mitschüler darin, die dich nicht mal gekannt hatten. Sie weinten und sagten, dass du doch so ein guter Mensch gewesen wärst.
Menschen, die dich gemobbt hatten, sagten, es täte ihnen leid, dass du das getan hast. Du wärest ihnen so wichtig gewesen.
In diesem Moment habe ich so viel Hass empfunden, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Mir war speiübel auf Grund der Lügen, der Täuschung und der Tränen meiner Mitschüler.

Wir 3 konnten nicht weinen, haben uns zurückgezogen und sogar gelacht. Haben über dich geredet, haben uns gegenseitig Geschichten erzählt über unsere gemeinsame Zeit. Aber D. du hast gefehlt, du fehlst und wirst immer fehlen. 

Ein Psychologe wollte mich uns reden, doch keine Chance. Es war alles so unendlich irreal. Wir waren so erschöpft, wollten flüchten. Man sagte, wir müssten darüber reden, doch konnten wir nicht.

Auf der schulinternen Gedenkfeier hielt ein Mädchen aus unserer Klasse eine Rede, sagte, du wärest ein toller Mensch gewesen. Doch war sie eine der Mobberinnen gewesen, hatte dich ausgelacht. Als sie die Rede geschrieben hatte, konnte sie keine deiner Charaktereigenschaften nennen, das taten wir. Uns sie stand nun da und erhielt Anerkennung für die gefundenen Worte für dich. Am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte ihr eine geknallt, doch wusste ich, dass ich das nicht tun konnte.
Wir übergaben deiner Mutter das Kondolenzbuch, sie umarmte uns so sehr und weinte dabei. Doch keine einzige traurige Träne verließ mein Auge. Keine einzige.

Einige Tage später fand deine Beisetzung statt, ich erinnere mich nicht mehr an sehr viel davon. Ich war nur äußerlich anwesend. Doch sehe ich immer noch das große Bild von dir auf einer Staffelei aufgebaut, vor deinem Sarg. Höre immer noch die Musik, die deine Mutter für diesen Tag ausgesucht hat. Es lief "Dieser Weg" von Xavier Naidoo und "Tears in Heaven" von Eric Clapton.
Höre ich diese Lieder heute im Radio, verkampft sich mein Herz und die wohlbekannte Übelkeit ist wieder da.
Wir liefen zu deiner Ruhestätte, hinter deinem Sarg her, ich sah, wie dein Sarg in die Erde hinabgesenkt wurde, wir warfen eine Rose darauf und verabschiedeten uns. Doch tat ich das wirklich?

Und seitdem fahre ich auf den Friedhof, wenn ich dich besuchen möchte. Jedesmal kommen mir die gleichen Bilder wieder hoch und ich bin mir schmerzlich bewusst, dass ich nichts getan habe, um dich zu retten. Ich habe nichts getan. Ich trage die Schuld. Ich war die einzige, die wusste, wo und wie. Nur das "wann" behielst du dir vor.

Meine lieber bester Freund, ich werde diese Tage niemals vergessen, werde den Schmerz niemals vergessen und ihn wohlmöglich für immer mit mir rumtragen. Doch ich hoffe, dass du den Schmerz ablegen durftest und erlöst bist.


Wolkentänzerin

Kommentare:

  1. ...und es sitzt so unauslöschlich tief in Dir...

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  2. Oh Gott, das tut mir unendlich leid! Ich hoffe du wirst irgendwann damit klar kommen.

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  3. Hatte beim Lesen Tränen in den Augen.
    Tut mir unendlich leid, was da passiert ist.
    Ich hoffe immer, dass die Menschen die Gehen, die Liebe und Trauer der Hinterbliebenen spüren.

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  4. Tja, Wölkchen, da haben wir was gemeinsam. Ein Freund von mir hat sich auch das Leben genommen. Wir haben uns abends um 23h noch für den nächsten Tag verabredet. Und am Morgen fanden ihn seine Eltern tot im Bett. Er hatte sich je ein Kabel am Puls und am Herzen festgeklebt und den Strom eingeschaltet.
    Auch das beschäftigt mich bis heute. Warum haben wir alle nichts gemerkt, oder zumindest nichts kapiert?

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  5. Ich kann nur weinen, um ihn um dich und all die anderen

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  6. Wenn man zurückbleibt, fragt man sich immer, warum? Als eine gute Freundin von mir sich umgebracht hat, habe ich nicht geahnt, dass sie so etwas vorhatte - sie war immer so fröhlich. Nachher, als ich erfahren hatte, dass sie sich in den Rhein-Herne-Kanal gestürzt hatte, habe ich mich geschämt, dass ich vorher nichts bemerkt hatte. Selbst heute werde ich noch misstrauisch, wenn jemand auffallend fröhlich ist.

    Auch nach 23 Jahren habe ich sie nicht vergessen und auch die Leere nicht, die ihr Tod hinterlassen hat.

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