Dienstag, 14. August 2012

Wenn man einmal versucht hat sich umzubringen,...

...dann wird man es immer wieder versuchen.

Ich versuchte mir das erste Mal das Leben zu nehmen, als ich dreizehn war. Ich bin abends aus dem Haus gegangen und ging in einen nahe gelegenen Wald. Ich setzte mich auf eine Bank und holte meine Rasierklinge raus. Bis dato hatte ich mich noch nie selbstverletzt. Ich zog meinen Ärmel hoch und schnitt mir tief in meinen Unterarm. Ich war erstaunt über das viele Blut, doch anders, als ich erwartete, war es nicht seltsam oder beängstigend. Es fühlte sich normal und gewohnt an.
Ich schaute dem Blut eine Weile zu, wie es meinen Arm hinab lief und ich merkte, dass ich müder wurde, doch auf einmal kamen Fußgänger vorbei und ich drückte reflexartig ein Taschentuch auf mein Handgelenk. Ich lief so schnell ich konnte nach Hause.
Glücklicherweise war Herbst und so konnte ich meine Wunden, die nächsten Tage über, gut verstecken.
Niemand erfuhr etwas von dieser Nacht.
In dieser Nacht begang mein selbstverletzendes Verhalten, das im Grunde nie wirklich weg war, doch phasenweise stärker oder leichter vorkommt. Immer, wenn ich diesen innerlichen Schmerz spürte, kramte ich einen scharfen Gegenstand hervor und schnitt meine Haut auf. Ich konnte fühlen, wie der Druck entwich und es verschaffte mir einen Augenblick Ruhe. Doch dieses Verhalten ist keine Möglichkeit, um einen dauerhaften Entlastungszustand zu schaffen. Vielmehr wird man süchtig nach physischem Schmerz, um den psychischen für einen kurzen Moment zu übertrumpfen.

Nach einiger Zeit reichte mir das sogenannte Ritzen nicht mehr, um mich über Wasser zu halten und ich dachte verstärkt über Suizid nach. Und ich versuchte wieder und wieder mir das Leben zu nehmen. Ich sprach mit niemandem über meine Gefühle und Absichten. Ich fühlte mich einsam, über viele Jahre hinweg.

Es machte mich stets ruhiger und ein kleines Stück befreiteter, wenn ich mir überlegte, dass ich die Möglichkeit hatte, über mein Schicksal selbst zu bestimmen. Wenn ich mir klarmachte, dass ich die Macht hatte, gehen zu können und dem Schmerz endgültig ein Ende zu machen.

Dann kam mein 16. Lebensjahr und ich fasste den Entschluss, dass dieses, mein letztes Jahr sein würde, dass ich nicht weiter gehen würde. Hier einen Schlussstrich zu ziehen.
Doch es kam alles anders: Mein bester Freund nahm sich in jenem Jahr das Leben.
Mir wurde sofort bewusst, dass ich ihm nicht folgen durfte. Noch einen Suizid hätte niemand verkraftet. Der eine war schlimm genug und es wurde mir vor Augen gestellt, was mit den engsten Angehörigen passiert, wenn ein geliebter Mensch Suizid begeht. Ich selbst wurde mit Verlust und Schuldgefühlen konfrontiert. Ein elendiger Teufelskreis, denn die Schuld lässt dich Suizidgedanken entwickeln, doch darfst du nicht gehen, weil das unerträglich für die Angehörigen wäre.
So versuchte ich, mit meiner letzten zur Verfügung stehenden Kraft, am Leben zu bleiben. Das war keine leichte Aufgabe und ich war sehr oft davor, zu gehen und ich weiß bis heute nicht, wie ich das geschafft habe. Es geschafft habe, am Leben zu bleiben.
Suizid ist etwas sehr egoistisches und mir war bewusst, dass ich angesichts der aktuellen Ereignisse, keine andere Möglichkeit hatte, als altruistisch zu handeln.
Es klingt selbst für mich gruselig, doch im Grunde kann man sagen, dass mein bester Freund mir zuvor kam und ich deshalb noch lebe.

Also, wie gesagt, wenn du einmal versucht hast, dir das Leben zu nehmen, dann wird das im Regelfall nicht das einzige Mal bleiben, also versuch es erst gar nicht und widersteh diesem Reiz von Anfang an. Das ist das Beste, was du tun kannst.

Ich versuche es immer mal wieder und zur Zeit häufiger als früher. Doch ich sage dir, es ist schrecklich. Vorallem, wenn es nicht klappt.

Am schlimsten ist das anschließende nach Hause kommen. Im Regelfall weiß niemand, was du getan hast und warum du so unglücklich aussiehst, wenn du zurück kommst. Außerdem ist es bei mir so, dass ich es gut verstecken kann, stets nach dem Motto "Gute Miene zu bösem Spiel".  Doch das alles ist so furchtbar kraftraubend und ich wünsche mir so häufig, dass es doch endlich klappen möge.

Wolkentänzerin




Kommentare:

  1. Mensch das ist so traurig.

    Ich hoffe wirklich das in dein Leben bald die Sonne scheint.
    Ich kenne dich ja ned, aber lass mir sagen das du Wertvoll bist. Warum ? Weil du da bist. Leben benötigt keine Rechfertigung, und keine Rationalität, es ist einfach.
    Ich für meinen Teil habe mein Herz für die Liebe geöffnet und lasse sie mein Handeln diktieren und seither scheint die Sonne für mich jeden Tag.

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  2. ich hab mich jetzt hier mal ein bisschen durchgeforschelt, ich find deine Texte wirklich toll, so nachvollziehbar und voller Emotionen.
    Auch wenn eigentlich nur trauriges dahinter steckt, was ich dir nicht weiter wünsche, schreib weiter so ;)
    es hilft ja auch.

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