Mittwoch, 15. August 2012

Wenn Erinnerungen zurückkommen,...

...die du für immer vergraben wolltest

 Ich habe, vor nun schon einer geraumen Zeit, ein verhängnisvolles Paket gepackt, mit beängstigenden Erinnerungen, grausamen Gefühlen, in der Nase stechenden Gerüchen und kaum ertragbaren Empfindungen. Ich habe es mit so viel Klebeband zugeklebt, wie ich finden konnte und dann brachte ich es zu einem See und versenkte es. Ich sah zu, wie das verhasste Paket in den Tiefen des sumpfigen Sees verschwand und ich war mir sicher, dass der Inhalt mich niemals wieder erreichen würde. Ich brachte im Laufe der Zeit mehrere solcher grässlicher Pakete auf die gleiche Weise zum Verschwinden.
Seither fühlte ich mich zwar absolut leer, doch war das immer noch besser, als solche Empfindungen ertragen zu müssen.

Dann begang ich den Fehler und startete eine Therapie. Und schwupps, da lagen auf einmal die Pakete vor meinen Füßen. Das Klebeband hatte sich komplett zersetzt und ich stand vor der schweren Entscheidung, sie erneut zu verpacken und zu versenken, in der Hoffnung ein paar weitere gefühlsleere Jahre vor mir zu haben, oder die Pakete anzunehmen und mich mit diesen dunklen Gefühlen auseinander zu setzen.

Somit trage ich nun stets einige Pakete mit mir rum. Allein äußerlich sind sie nicht schön anzusehen und ihr Inhalt ist noch viel hässlicher. Jede zweite Woche ungefähr öffne ich ein Paket und hole ein Detail, einen Geruch, ein Gefühl hervor und es wird zu einem Teil von mir. Es krallt sich an mir fest und nimmt meinen gesamten Geist ein, beschmutzt meine Seele. Es lässt mich erzittern, weinen, schreien, verstummen. Es lässt mich Suizidgedanken entwickeln, die so grausam sind, dass ich sie am liebsten nie gedacht hätte.

Jedes Paket ist noch reichlich gefüllt und mir graut jedes Mal davor, etwas aus einem dieser sumpfigen Pakete zu holen.

Ich merke, wie der Inhalt mein Wesen verändert, wie ich immer schwacher werde. Ich habe die Pakete nicht umsonst im tiefen, alles verschlingenden See versenkt. Ich war damals nicht bereit diese Gefühle, Gerüche, Empfindungen zu fühlen und ich weiß nicht, ob ich es heute bin. Aber wer soll es wissen, wenn nicht ich?

Ich bin die Wolkentänzerin und trage immer ein paar Pakete mit mir rum. Pakete, bei denen der bloße Gedanke an sie, mir schon die gesamte Kraft raubt. Aber ein jedes Paket gehört zu meinem Leben und es ist unendlich schwer, das zu akzeptieren.

Wenn du die Wahl hast, zwischen absoluter Leere und dich zerreißendem Schmerz, wofür würdest du dich entscheiden? Und, wenn du dann die falsche Wahl getroffen hast, wie weit würdest du gehen, um die Alternative zu erreichen?

Wolkentänzerin


Kommentare:

  1. "Wir können nur verdrängen, aber wir werden nicht vergessen." Das sagte mal eine Freundin zu mir und ich erkannte, sie hatte Recht. Ich habe meinen Schmerz über so viele Jahre, wie Du es so bildlich erklärt hast, auch in Seen versenkt und auch heute liegen meine Pakete noch am Grund. Nur wenige Male hervor geholt, denn ich kann diese Erinnerungen ebenso wenig ertragen, wie Du die Deinen.

    Ich habe auch nie eine Therapie begonnen, ich empfand es immer als schrecklich einer fremden, jedoch objektiven Person, meine tiefsten Gefühle und Ängste zu offenbaren, ihr mein Leben auf dem Tablett zu servieren. Es ging nicht. Ich habe bisher nur mit 3 Personen über das gesprochen was mir widerfahren ist, es ist sicher schwer und kostet unglaublich viel Überwindung, aber letztendlich hat es mir nie geholfen und die Pakete verschwanden wieder.

    Es ist furchtbar, was Menschen im Stande sind jemandem anzutun, leider wird es sie auch immer geben. Doch ihr Schicksal wird das Schlimmere sein, als das Unsere. Denn wir waren unschuldig und sind es noch, verdienten keine Strafe oder Gewalt, wir waren wir und wir werden tief in uns drin immer wir bleiben.

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  2. Mir hat sich eine Netzfreundin anvertraut und mir ihre Erlebnisse erzählt, über die sie sonst noch nie mit jemandem gesprochen hatte. Es tat ihr gut, sich endlich einmal mitzuteilen.
    Auch sie hatte Pakete geöffnet.
    Ich empfinde es als etwas Kostbares, dass sie mir vertraut.
    Es ist auch bei ihr noch lange nicht vorbei,- wie auch...

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