Donnerstag, 16. August 2012

"Mir stehen die Tränen bis hier."

Auf dem Boden lagen zwei DinA2 Blätter, vollgeschrieben mit verschieden farbigen Eddings. Die Bögen waren in unterschiedliche Bereiche unterteilt: Situation, Verhalten, körperliche Reaktion, Emotionen/Gedanken, Ressourcen, auslösende Faktoren und unterhaltende Bedingungen.
Jede Kategorie war reichlich ausgefüllt, mein Leben war verpackt in sieben Bereiche.
Die Frage, die mein Psychologe an mich richtete, lautete: „Was glauben Sie, wie konnte sich bei Ihnen eine Depression bilden? Was ist Ihre Geschichte?“
In meinem Hals bildete sich sofort ein dicker Kloß. Ich bekam Panik, unter keinen Umständen wollte ich etwas von den schlimmen Erlebnissen erzählen, ich blickte hinab auf die Kategorie „auslösende Faktoren“ und da standen sie, die Ereignisse, die mich bis hierher getrieben hatten, die mir auf meinem Lebensweg auferlegt wurden. Ich schluckte und sagte, dass die Begriffe nicht umsonst in dieser Spalte ständen und mein Therapeut grinste. Ich bin eine Meisterin im Schweigen und in schwammigen Äußerungen. Bloß nicht zu viel sagen.
Irgendwie schaffte er es dann aber doch und ich riss mein Leben in groben Zügen an, angefangen in meiner Kindheit, über meinen ersten Freund, bis hin zum Suizid meines besten Freundes. Einige der Lebensphasen, die mich nachhaltig geprägt hatten.

Am Ende sagte mein Therapeut, ihm würden die Tränen bis auf die Höhe seiner Nase stehen und es täte ihm leid, dass mir das alles widerfahren sei. Er sagte zudem, dass sich das alles sehr einsam anhöre und es so scheine, als hätte niemand auf das kleine Mädchen aufgepasst, als wäre es stets allein gewesen.
Ein Schlag in mein Herz. Zum einen war ich perplex, wie konnte ein außenstehender objektiver Zuhörer mehr für mein Leben, für meine Geschichte empfinden, als ich es im Stande war zu tun? Wie konnte es ihn zu Tränen rühren, wenn bei mir nicht eine einzige bittere Tränen seinen Weg zu meinen Augen fand? Wie konnte ich zu so einem emotionslosen kalten Wesen geworden sein?
Zum anderen war für mich unverständlich, wie es ihm leid tun konnte, er hatte schließlich nichts damit zu tun, er war bloß Zuhörer und ich fand es unangebracht, für mein Leben Mitleid zu fühlen. Ich selbst hatte mir stets verwehrt, traurig zu sein. Ich habe mir nicht das Recht zugesprochen, das Recht eine Depression haben zu dürfen. Wie ich erfuhr, ist das eine Facette meines ausgefeilten Selbstschutzes.
Darüber hinaus tat es weh, es tat weh, dass jemand sagt, dass niemand auf dieses kleine Mädchen aufgepasst hat. Es tat mir für das Mädchen leid, doch paradoxer Weise nicht für mich. Es fühlte sich an, als wäre das nicht ich und doch wusste ich tief in mir drin, dieser Mensch, das bin ich. Ein riesiger Schmerz breitete sich in meinem Körper aus und ich hatte das Gefühl keine Luft zu bekommen.

Mein Therapeut sagte am Ende der Sitzung, dass egal welche Gefühle sich in den nächsten Tagen äußern könnten, ich solle sie annehmen, von Trauer, über Wut bis hin zur Verzweiflung.
Ich bin äußerst wütend, wütend, dass ich in dieser Situation bin. Wütend über meine schreckliche Einsamkeit, die ich verspüre, die mir meinen Atem abschnürt, die mich erdrückt. Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich nicht fähig bin, meine wahren Gefühle zu empfinden, zu dominant die Angst vor einem möglichen Kontrollverlust. Ich bin wütend und einsam und diese Mischung ist, offengestanden, unerträglich.
Doch weißt du, was absolut zermürbend ist? Diese Wut äußert sich in kompletter Leere und Abgeschlagenheit.


Wolkentänzerin

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