Sonntag, 19. August 2012

Friedhofsbesuch

Was eine Nacht, nicht mal drei Stunden Schlaf bekommen. Mein Kopf hat keine Ruhe gefunden. Die grausamen Erinnerungen folgten mir bis in meine Träume.
Ich bin erschöpft und so furchtbar müde, aber ich kann nicht schlafen.

Heute abend muss ich auf den Friedhof. Die Mutter meines besten Freundes schafft es nicht hinzufahren. Doch bei dem Wetter müssen die Blumen gegossen werden. Also mache ich das.
Ich mag diesen Ort nicht. Sobald ich dort bin, sehe ich diesen schwarzen Donnerstag und den unheilvollen Freitag vor meinem inneren Auge, als sei es gestern gewesen.

Sobald ich dort bin, fühle ich eine wohlbekannt Kraft in mir. Sie zieht mich tiefer hinab, ich stelle mir vor, wie es wäre, dort zu liegen und eine erfüllende schmerzstillende Ruhe breitet sich in mir aus. Meine Suizidgedanken werden stärker und ich entwickle den Wunsch mich einfach neben ihn zu legen und nie wieder aufzustehen.

Ich setze mich immer vor sein Grab und schaue es bloß schweigend an. Mit ihm reden kann ich nicht, zu groß ist der Schmerz, wenn ich mir vorstelle, dass er sich unter der Erde, tot in einer Kiste liegend, befindet. Er ist in meiner Vorstellung nicht mehr der Junge, der lachend durch die Schule spazierte. Er ist der Junge, der im Wald sitzt, um sein Leben kämpft und verliert. Immer und immer wieder spielt sich das Szenario vor meinem inneren Auge ab.

Vor zwei Jahren stand ich vor der Entscheidung, ihn mir noch ein letztes Mal anzuschauen oder ihn so in Erinnerung zu behalten, wie ich ihn kannte. Eine Freundin erzählte, dass sein Kiefer gebrochen werden musste, ein Resultat der Leichenstarre. Die reine Vorstellung an seinen toten Körper reichte mir jedoch schon und ich verzichtete darauf. Heute frage ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, ihn mir anzusehen. Mit seinem wirklichen Tod konfrontiert zu werden. Nicht mehr die Chance zu besitzen, sagen zu können, das alles war ein Traum, ich habe ihn schließlich nie wirklich tot gesehen.

Die Bilder, die sich in meinem Kopf von ihm gefestig haben, sind wirklich grausam und mein Herz tobt innerlich, wenn ich daran denke.
Doch sitze ich da auf dem Friedhof, dann erscheint es mir so vollkommen. Dann beneide ich ihn um seine Ruhe, seinen Frieden. Meine Seele schreit jedes Mal, ich solle doch gefälligst dableiben, ihr ihre verdiente Seelenruhe geben.
Wahrlich, an diesem Ort steht die Zeit für mich still und der Wunsch, nach einem solchen dauerhaften Zustand, wächst mit jeder Minute, die ich mich dort befinde.




Wolkentänzerin

Kommentare:

  1. Liebe Wolkentänzerin,
    ich danke dir für deine Zeilen.
    Bin über das Suizidforum auf deinen Blog gestoßen.
    Du sprichst mir aus meiner einsamen, traurigen und verschuldeten Seele.
    Lieben Gruß, Siri

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  2. Du hast richtig gehandelt. Man sollte einen geliebten Menschen immer so in Erinnerung bewahren wie man ihn kannte. Denn glaube mir, der Anblick eines jeden den Du geliebt hast und ihn/sie nun tot sehen ist furchtbar. =/

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