Freitag, 17. August 2012

Jene Samstage...

Wieder einer dieser Samstage. Ich glaube ich war elf, plus minus ein zwei Jahre. Grade war ich dabei in meinem Zimmer den wöchentlich angeordneten Zimmerputz zu erledigen, als ich von unten hörte, wie meine Eltern mal wieder in einen heftigen Streit, über irgendeine Belanglosigkeit, gerieten. Das Resultat von Überarbeitung und unerfüllten Lebenswünschen.
Ihre Auseinandersetzung artete wie immer sehr schnell aus. Ich konnte in meinem Zimmer jedes Wort kristallklar vernehmen und wie so oft, wusste ich nicht, was ich tun sollte. In mir breitete sich eine wohlbekannte Angst aus...

Sooft hatte ich meine Mutter, auf dem Badezimmerboden sitzend, gefunden, ihre Hände unter Tränen reibend. Schluchzend sagte sie, es gehe ihr gut. In Ausnahmefällen sagte sie auch, dass es jetzt genug sei, dass sie sich scheiden lassen würde und fragte mich mit Tränen angefüllten Augen, zu wem ich ziehen wolle. Auf diese Frage konnte und wollte ich ihr keine Antwort geben. Beide waren keine Unschuldslämmer: mein Vater überschritt in vielerlei Hinsicht Grenzen, meine Mutter bestrafte mich häufig mit tage oder wochenlangem Schweigen. Also lösten beide Optionen bei mir keine Freudenschreie aus.
Es zerriss mir jedoch das Herz zu sehen, wie meine Mutter schutzlos dort saß. Kein Wort, keine Geste meinerseits konnte etwas an ihrem Leid ändern. Oft setzte ich mich einfach zu ihr und schwieg mit ihr.
Nach einer gewissen Zeit, in der sie sich gekonnt ignorierten und nur über uns miteinander kommunizierten, rauften sie sich zusammen und am Ende gab es ein Gespräch mit uns Kindern, in dem uns erklärte wurde, dass wir im Grunde die Schuld daran hätten. The same procedure as every week.

...aus dem Keller schallte die Stimme meiner Mutter nach oben, wie sie meinem Vater an den Kopf knallte, wir Kinder wären ihm doch total egal, was wüsste er schon über uns. Mir lief es kalt über den Rücken...

Mein Vater arbeitete täglich 13-14Stunden und wenn er wieder kam, war er verständlicher Weise erschöpft und müde. Es tat mir schon weh, dass ich so wenig von meinem Vater hatte, er so wenig über mich wusste. Doch so war es nun mal, in meinen Augen hieß das nicht, dass wir ihm egal waren.

...Dann hörte ich ein lautes Schreien von unten und eine Zeit lang herrschte unheilvolle Stille. Ich wusste instinktiv, dass was passiert sein musste. Die Haustür wurde geöffnet und mit aller Kraft wieder zugeschlagen. Ich stand wie angewurzelt in meinem Zimmer, wie ein Käfer, der sich tot stellt.
Mein Vater ging die Treppe auf und ab, öffnete die Haustür und fuhr das Auto vor dir Tür.
Eine Stunde verging, bis er meine Brüder und mich nach unten rief. Er erklärte, was passiert war:
Er hatte die Kontrolle verloren und meine Mutter gewürgt, sie fast umgebracht.
Mir wurde schlecht, mein Vater hätte meine Mutter um ein Haar ermordet.
So standen wir da und mein Vater fragte, ob es ok, sei, wenn er jetzt erstmal für eine Zeit über wegfahren würde, zu seiner Mutter ziehe, bis sich die Dinge geregelt hätten. Das erste Mal, das zählte, was wir fühlten und dachten. Wir sagten, dass es in Ordnung und wahrscheinlich das Beste sei.
Dann fing er an, davon zu reden, dass das Auto auf meine Mutter zugelassen sei und sie ihn des Klauens bezichtigen könnte. Trotzdem stieg er in das Auto und war weg.

Meine Mutter war mit ihrer besten Freundin irgendwo hingefahren, weit weg von zu Hause. Also stand ich da und wusste nicht wohin mit mir. Bei meinen zwei und vier Jahre älteren Brüdern fand ich keinerlei Trost, es kam mir vor, als würde sie das ganze Spektakel kalt lassen. Heute denke ich, dass sie vielleicht einfach selbst überfordert mit dieser Situation waren.

Ich verkroch mich in mein Zimmer und weinte den ganzen Tag durch. Das war zu viel für mich, wie konnte es so weit kommen, dass mein Vater meine Mutter fast umgebracht hätte? Ich wünschte mich an einen anderen Ort, ich wollte so weit weg sein, wie es nur ging.

Irgendwann kam meine Mutter wieder, sie regte sich schrecklich auf, weil mein Vater ohne ein Wort verschwunden war. Sie würde ihn zurück und in Schutz nehmen, egal was noch passieren würde, das war meine bittere Erkenntnis dieses Tages.

Am späten Abend bekam ich eine „gute-Nacht-Sms“ von meinem Vater, es zerriss mich innerlich. Dieser Tag veränderete mein Wesen, ich war nicht mehr der Mensch, der ich noch am morgen gewesen war.

Ein paar Tage später war mein Vater wieder zu Hause und der Deckmantel des Schweigens wurde ausgebreitet, die Schuld bei uns abgeladen und sie fielen nach und nach in die alten Verhaltensmuster zurück. 
Als ich meine Mutter mal darauf ansprach, sagte sie nur: "Eine Ehe ist ein ständiges Vergeben und Vergessen." Und ich stelle mir heute die Frage, welchen Preis wir dafür bezahlt haben.



Wolkentänzerin


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